Messtechnik In China wird jetzt mit Dummy-Kalibrierlabor gecrasht

Redakteur: Sariana Kunze

In Nanjiing, China, heißt es neuerdings Crashen, Messen, Kalibrieren. Denn die Firma Messring aus Krailling hat bei GSK Protech in Nanjing erstmals in ihrer Firmengeschichte ein komplettes Dummy-Kalibrierlabor für einen Kunden geplant, ausgerüstet und Ende 2014 in Betrieb genommen.

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Die Crashtestanlage von Protech mit der 136 m langen MicroTrack-Schienenanlage
Die Crashtestanlage von Protech mit der 136 m langen MicroTrack-Schienenanlage
(Messring)

Für den chinesischen Zulieferer GSK Protech ist es ungemein wichtig, die eigenen Produkte wie Airbags und Elektronikteile auf Prüfständen zu testen. Deshalb entschied man sich Ende 2012 dafür, eine komplette Crashtestanlage inklusive Labor für Automatisierung und Kalibrierung von Sensoren am neuen Standort im Osten Chinas zu errichten. Dabei sollte vor allem das Kalibrierlabor neue Maßstäbe für die Zertifizierung von Dummy-Sensoren setzen. Im Gegensatz zu herkömmlichen, pragmatischen Prüfständen wurde hier auch besonderes Augenmerk auf Arbeitssicherheit und Bedienungskomfort gelegt. So wird das neue Labor sogar strengsten europäischen Arbeitsschutzrichtlinien gerecht und ist so automatisiert, dass Anwendungsfehler vermieden werden. In China kommt zudem auch die InDummy-Systeme, der M=Bus-Serie von Messring, zum Einsatz. Durch die M=Bus-Systeme soll eine deutliche Produktivitätssteigerung im täglichen Betrieb gegenüber klassischen Lösungen erzielt, so Messring. Alle Messmittel, Prüfstände (incl. Crashanlage) und Kalibriersysteme werden durch ein zentrales, unternehmensweites Software-Paket („Crashsoft“) verwaltet, was nicht nur entscheidend zur Datensicherheit und -qualität beiträgt, sondern in dieser Form auch bisher einmalig in China ist.

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GSK Protech wird die Anlage nicht nur für eigene Produkte nutzen, sondern auch anderen Fahrzeugherstellern und Zulieferern zur Verfügung stellen. Eine große Herausforderung lag für die Techniker und Ingenieure von Messring darin, als Systemintegrator für das Gesamtprojekt zu fungieren und alle anderen Hersteller sowie deren Komponenten und Prüfstände in die Testanlage zu integrieren. Direkt nach der Vergabe des Projektes im Jahr 2012 begann die deutsche Firma mit der Planung des modernen Kalibrierlabors und der Crashtestanlage. Im Crashtest Dummy-Bereich gibt es die unterschiedlichsten Körpertypen, welche verschiedene Alters- und Geschlechtsgruppen bei Versuchen repräsentieren. Diese Dummys sind für eine valide Auswertung der Crashs mit einer Vielzahl sensibler Sensoren und Datenloggern ausgestattet. In Nanjing ist dies die M=Bus Serie. Generell können einzelne Dummys bis zu 32 Datenlogger mit insgesamt 192 Messkanälen in ihrem Versuchskörper tragen. Die Dummys müssen vor jedem (produktiven) Versuch in dem neuen Labor kalibriert werden. Bei der Dummy-Zertifizierung müssen die Messergebnisse in definierten Toleranzbereichen liegen und für die Durchführung der Zertifizierungs- und Crashtests gibt es strenge Vorgaben. So muss beispielsweise der Dummy bis zu fünf Stunden vor einem Crash-Testtemperatur- und feuchteüberwacht werden und darf die vorgeschriebenen Grenzwerte nicht über- oder unterschreiten. Erstmals ist deshalb nun auch ein Temperatur- und ein Feuchtigkeitslogger in jedem der Dummys verbaut. Die Logger sind per Funk verbunden, um etwaige Abweichungen zu melden.

Das Labor stand erst in Deutschland

Um die einzelnen Dummys exakt zu kalibrieren, sind unterschiedliche Prüfstände in Betrieb genommen worden, die bei GSK Protech zum Einsatz kommen. Diese Anlagen lenken eine definierte Last auf den jeweiligen Einwirkbereich der Dummys. Unter anderem wurden ein Knie-, Fuß- und Thorax-Pendel sowie ein Rippenfallturm und ein Becken- und Torso-Flexion-Prüfstand installiert, um die Eigenschaften der Körperbereiche, wie z.B. Wirbelsäule, Nacken oder Kopf zu prüfen. Das komplette Labor wurde zuvor in Deutschland einmal aufgebaut und geprüft, bevor es nach China verschifft wurde.

Die für GSK Protech gelieferte Messtechnik umfasst Datenerfassungsgeräte für analoge und digitale Sensoren sowie zusätzliche Komponenten für das Auslösen und Überwachen von pyrotechnischen Komponenten oder von Botschaften auf dem CAN-Bus des Fahrzeugs. Insgesamt hat GSK Protech derzeit 14 unterschiedliche Dummy-Typen in Nanjing im Einsatz. Zum Beispiel den BioRIDII, verschiedene SIDII-, ES2re-Modelle und die Hybrid III-Familie. Dabei setzt der Kunde die Testsoftware “CrashSoft“ von Messring. Diese steuert Prüfstände, verwaltet alle Testinformationen, wertet Daten aus und ist unverzichtbar, um die Reproduzierbarkeit von Tests zu garantieren. Außerdem ist es erforderlich, bei der Vielfalt an unterschiedlichen Testläufen und Dummy-Typen eine Software einzusetzen, die allen Testanforderungen und Richtlinien gerecht wird. Insgesamt wurden auf der kompletten Anlage, inklusive der Dummys, über 700 Sensoren verbaut. Darunter befinden sich alleine für den InDummy-Bereich 112 Logger und 627 Messkanäle. Damit ist diese Testanlage eine der modernsten und größten in China.

Mit 136 m Länge schnell Crashen

Die Crashtestanlage hat eine Gesamtfläche von 7.900 Quadratmetern (inkl. Vorbereitungsräumen und Labor). Die Länge beträgt insgesamt 136 m, was Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 90 km/h bei Crashtests erlaubt. Zum Gesamtumfang der verbauten Anlagentechnologie zählen u.a. ein Elektromotor, der die Testfahrzeuge auf der Schienenanlage beschleunigt, zwei Filmgruben zur Video- und Fotodokumentation, ein Flying-Floor für Seitenaufprallversuche und diverse Spezialbarrieren. Damit ist der chinesische Kunde in der Lage, jegliche Testprotokolle der wichtigsten weltweiten gesetzlichen und sonstigen anerkannten Prüfstandards und Vorschriften zu erfüllen – eine Tatsache, die vor allem für Unternehmen wichtig ist, die ihre Produkte auf dem amerikanischen oder europäischen Markt verkaufen wollen. Die Onboard Messtechnik, die bei GSK Protech verbaut wurde, hat insgesamt 248 Messkanäle (200 für die Crashtesteinheit und 48 für die Schlittentests).

„Ich bin sehr stolz darauf, dass wir dieses spannende Projekt mit seiner umfangreichen Sensorik, Automatisierung, Softwareanwendung und Anlagentechnik so konstruktiv und erfolgreich beendet haben. Insgesamt hat der Kunde nun die Möglichkeit, mit 900 Messkanälen auf höchstem Niveau Crashtestversuche jeder Art durchzuführen. Mit dem Kalibrierlabor setzen wir neue Maßstäbe für integrierte Labortechnik und Testabläufe in ganz Asien“, erläutert Matthias Winkler, Manager Software & Hardware bei Messring und zugleich Projektleiter für den Kunden GSK Protech.

In China hat Messring bereits über zehn große Crashtestanlagen in den letzten Jahren gebaut und ist seit 2014 auch mit einer eigenen Tochtergesellschaft in Chongqing vertreten.

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