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Turk: „Es werden einige den 4.0-Trend verschlafen“

| Redakteur: Sariana Kunze

Ein großes Wort, sehr viel Potenzial und dennoch derzeit wenig Inhalt: Industrie 4.0. Andreas Turk von Infoteam Software sprach mit elektrotechnik über die Herausforderungen, konkrete Anwendungen und die Position eines Softwaredienstleisters bei diesem Hypethema. Für Turk steht jedenfalls fest: Ohne Mittelstand und ohne Software geht es nicht.

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Andreas Turk, Head of Business Sgement Automation bei der Infoteam Software AG, spricht über die Bedeutung von Industrie 4.0 im Mittelstand.
Andreas Turk, Head of Business Sgement Automation bei der Infoteam Software AG, spricht über die Bedeutung von Industrie 4.0 im Mittelstand.
( infoteam )

Herr Turk, Industrie 4.0 bietet großes Potenzial – leider auch, um zukunftsweisende Trends zu verschlafen. Hat aus Ihrer Sicht der Mittelstand überhaupt eine reelle Chance, Industrie 4.0 aktiv mitzugestalten und wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Die Bundesregierung erklärt insbesondere den Mittelstand als eine Zielgruppe ihrer Initiative. Wenn man sich überlegt, dass die Ausrüster für deutsche und internationale Produktionsunternehmen sehr häufig deutsche Mittelständler sind, z. B. Maschinen- und Anlagenbauer, Automobilzulieferer, Komponentenhersteller und nicht zuletzt Dienstleister wie Infoteam, dann wird offensichtlich, dass es ohne sie gar nicht geht. Die Bundesregierung hat eine offensive Unterstützung angekündigt, durch Vernetzung, Know-how-Transfer und Forschungsförderung, um speziell den Mittelstand gegenüber internationalen Konzernen zu stärken. Zusätzlich gibt eine Studie der Bitkom das Marktvolumen bis 2025 mit 78 Mrd. Euro an, nur in Deutschland und für ausgewählte Branchen. Die Chancen sind also enorm. Und trotzdem werden einige den Trend verschlafen. Es liegt also gerade an uns mittelständischen Unternehmen, mit konkreten Anwendungsszenarien die Bereitschaft für Investitionen zu wecken und eine Rechtfertigungsgrundlage dafür zu schaffen. Die Digitalisierung von Daten ist die Grundlage für alle Szenarien der Industrie 4.0. Ohne Digitalisierung kein Zusatznutzen. Die Herausforderungen liegen also darin, Altsysteme zu digitalisieren, Schnittstellen, Formalismen und Prozesse zu standardisieren und Datensicherheit sowie Datenschutz zu gewährleisten.

Für den Mittelstand bietet Industrie 4.0 erst dann eine große Chance, wenn Ihre Kunden einen Mehrwert aus Industrie 4.0 ziehen können. Welche Vorteile sehen Sie konkret?

Wichtigste Grundlage ist das Verständnis dafür, dass Industrie 4.0 nur dann konkrete Vorteile bietet, wenn die Ideen konsequent umgesetzt werden. Die Beispiele für Mehrwert sind dann vielseitig: Flexibilität, Fehlerminimierung, mehr Automation, ökonomische Optimierung, ökologische Optimierung, Kostenreduktion, Produktivitätssteigerung, Wettbewerbsfähigkeit, Individualisierung.

Wie wollen Sie – Stichwort „konkrete Anwendungsszenarien“ – die Begrifflichkeit mit Leben füllen? Und wie wird sich dadurch die Arbeitswelt der Menschen in vollautomatisierten und vernetzten Produktionen verändern?

Wie und wie sehr sich die Arbeitswelten verändern werden, das ist zum Teil noch Spekulation. Es ist aber wahrscheinlich, dass sie sich verändern werden. Die zu erwartende Veränderung hängt vom Szenario ab, das realisiert wird. Dazu ein paar Beispiele, die wir uns bei Infoteam vorstellen können. Die manuelle Datenerfassung wird im Zuge der Digitalisierung automatisch erfolgen. Anstatt mit Klemmbrett und Formular Zählerstände zu sammeln und dann in eine Datenerfassung zu übertragen, wird der Mitarbeiter in Zukunft die automatisch erfasste Datensammlung auf seinem Tablet hinsichtlich Plausibilität überprüfen und Optimierungsmaßnahmen vornehmen. Reguläre Wartungsarbeiten werden vorausschauend geplant und unterstützt. Anstatt mit dem Handbuch unter dem Arm noch einwandfreie Verschleißteile vorsorglich auszutauschen, wird der Mitarbeiter aufgrund der Eigendiagnosefähigkeit von Maschinen nur noch bei einem echten Wartungsbedarf ausrücken, die Wartung zu einem Zeitpunkt vornehmen, der geplant gerade vor dem Ausfall liegt, und bei seiner Tätigkeit von einem Assistenzsystem durch die Einblendung von hilfreichen Zusatzinformationen (Augmented Reality) mithilfe einer Datenbrille unterstützt. Die Lagerhaltung innerhalb der Produktion wird zukünftig automatisiert werden. Anstatt erst dann mit dem Hubwagen ins Lager zu eilen, wenn die Anlage bereits stillsteht und auf Material wartet, um dann möglicherweise festzustellen, dass die Lagerbestände aufgebraucht sind, wird der Logistiker der Zukunft lediglich überwachen, dass die automatische Interaktion zwischen Produktionsanlage und Lager korrekt funktioniert und automatische Nachbestellungen des Lagers freigeben.

Tendenziell wird also die Arbeit eher softwaregestützter, eigenverantwortlicher und individueller werden. Die Anforderungen an den Mitarbeiter steigen also, zudem wird seine Leistungsfähigkeit und Einflussnahme gestärkt. Das ist ja ein langfristiger Trend, der einhergeht mit gesteigerten Produktionskapazitäten.

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