Antriebstechnik

Aus Bruchsal kommt Bewegung

| Autor / Redakteur: Gunthart Mau* / Karin Pfeiffer

In den 1930er Jahren wurden die Arbeitsmaschinen über Transmissionsriemen angetrieben.
In den 1930er Jahren wurden die Arbeitsmaschinen über Transmissionsriemen angetrieben. (Bild: SEW-Eurodrive)

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Erst trieb sie die Industrialisierung voran, heute ist die Antriebstechnik eine Säule der Automatisierung. Konzepte wie das Baukastensystem, der Vormarsch der Elektronik und neue Verfahren revolutionierten die Antriebe. SEW-Eurodrive gestaltete maßgeblich mit.

Mit der Erfindung der Dampfmaschine und der Entwicklung einfacher Transmissionsantriebe kam Bewegung in die industrielle Fertigungstechnik. Leistungsfähige Elektromotoren, die die Dampfaggregate als zentrale Kraftmaschinen ablösten, standen erstmals seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zur Verfügung. Die nächste Entwicklungsstufe bestand in der Montage von Elektromotor, Getriebe und zwischengeschalteter Kupplung auf einer Grundplatte. Doch noch ließ dieses System nur geringe Variabilität in der Aufstellung zu.

1920er: Fortschritt durch Motor-Getriebe-Kombination

Der Konstrukteur Albert Obermoser aus dem nordbadischen Bruchsal war einer derjenigen, die sich auf die Suche nach einer platzsparenden Lösung machten. 1928 meldete er sein Patent des „Vorgelegemotors“ an. Obermoser koppelte den Elektromotor direkt mit einem niedertourigen Antriebselement. Die Vorteile dieser Erfindung lagen in der kleineren, kompakteren Antriebseinheit und in ihrem ruhigeren und präziseren Lauf.

Mit dem Vorgelegemotor, einem Vorgänger des Getriebemotors, gab es Ende der Zwanzigerjahre eine Antriebseinheit, die mit verschiedenen Getrieben arbeiten konnte und den Einzelantrieb von Maschinen ermöglichte.

1930er: Gründung Süddeutsche Elektromotorenwerke

Auch bei den 1931 gegründeten Süddeutschen Elektromotorenwerken – inzwischen SEW-Eurodrive – erkannte man damals sehr schnell die herausragenden Möglichkeiten dieser Antriebstechnik und verfolgte konsequent ihre Weiterentwicklung und Optimierung. Unter Federführung des Firmengründers Christian Pähr machte sich das Bruchsaler Unternehmen in den folgenden Jahren einen Namen in der Maschinenbaubranche.

1940er: Neuanfang und dynamische Aufbaujahre

Neuanfang und Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg kennzeichnen die zweite Hälfte der 40er Jahre. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, im Jahre 1945, übernahm Ernst Blickle, der Schwiegersohn von Christian Pähr, die Geschäftsführung. Er baute den Betrieb trotz der schwierigen Nachkriegszeiten immer weiter aus.

Nach den Reparaturarbeiten konnte man in Bruchsal bald wieder zur Produktion von Getriebemotoren übergehen. Beim Wiederaufbau waren Antriebe von SEW-Eurodrive ein gefragtes Hilfsmittel. Im Frühjahr 1948 erfolgte die Grundsteinlegung für das Werk in Graben bei Bruchsal.

1950er: Getriebemotoren als Innovationsträger

SEW-Eurodrive wurde zu einem festen Bestandteil des deutschen Wirtschaftswunders. Ursprünglich kombinierte man den Elektromotor mit einem Stirnradgetriebe. Die Weiterentwicklung des Getriebe­motors erfolgte durch die Erfindung und den Einsatz von neuen Getriebearten. Mitte der 1950er Jahre hatte SEW-Eurodrive bereits die Innovationsstufe vom Stirnradgetriebe zum Schneckengetriebe vollzogen.

Wenig später kamen mechanisch stufenlos regelbare Antriebe hinzu. Die Abnehmer der Getriebemotoren fanden sich in den 1950er Jahren vor allem in der Bauindustrie, im Bergbau und anderen Grundstoffindustrien.

1960er: Großserienfertigung und Baukastensystem

In der Antriebstechnik gab es in den 1960er Jahren wegweisende Entwicklungen. Die vielleicht bedeutendste gelang SEW-Eurodrive Mitte der 1960er Jahre mit dem modularen Baukastensystem für Getriebemotoren. Es bildet bis heute eine der Säulen des Unternehmenserfolgs, trägt also weit in die Zukunft. Auf der Basis einer überschaubaren Anzahl standardisierter Einzelteile und Baugruppen war es nun möglich, wirtschaftliche Antriebslösungen zu realisieren, die durch Vielseitigkeit und gleichbleibend hohe Qualität überzeugen. Das System der zentralen Fertigung in Nordbaden und dem Elsass sowie der dezentralen Montage vor Ort bot Zeit- und Kostenvorteile.

1970er: Größeres Portfolio und neue Märkte

1970 blickt SEW-Eurodrive bereits auf ein erfolgreiches Jahrzehnt der Auslandsexpansion zurück. Das Unternehmen hat inzwischen 2.000 Mitarbeiter. Mit der Übernahme der Firma Obermoser 1973 kamen einige neue Motorengruppen zum SEW-Portfolio hinzu. Auch Obermosers Praxis, die Motoren mit Namen zu versehen, wurde übernommen.

Das Produktprogramm beinhaltete mittlerweile Stirnrad- und Schneckenradgetriebe sowie zugehörige Motoren, Keilriemen- und Reibrad-Verstellgetriebemotoren, Kupplungen, Bremsmotoren, Gleichstrommotoren, Stromrichter und elektrisches Zubehör.

Die eigentliche Neuheit dieses Jahrzehnts stellte SEW-Eurodrive 1977 auf der Hannover Messe vor: Kegelradgetriebe als ein wesentlicher Fortschritt der Antriebstechnik, mit hohem Wirkungsgrad und besonders wirtschaftlich.

1980er: Zunehmende industrielle Automatisierung

Mit der Verbreitung von Personal Computern Anfang der 1980er Jahre setzte ein regelrechter CAD-Boom ein, der das Konstruieren nachhaltig beeinflusste. Gemeinhin gelten die Achtzigerjahre auch als das Jahrzehnt, in dem die Elektronik Einzug in die industrielle Produk­tion hielt. So trieben jetzt Frequenzumrichter die Motoren an.

Auch in der Prozessautomatisierung wurden zunehmend elektronische Steuerungen verwendet und elektrische Komponenten zu kompletten Systemen zusammengefügt. Es kam nicht mehr nur auf die Qualität der Einzelkomponenten an, sondern auf ihr reibungsloses Zusammenspiel in einem elektronisch gesteuerten System.

1990er: Die Zukunft wird nun dezentral

In den Neunzigerjahren stellte das Unternehmen mit neuen Produkten und Lösungen erneut seine Innovationskompetenz unter Beweis. Firmeninhaber Ernst Blickle rief eine Gruppe für Antriebselektronik ins Leben. Eine Grundsatzentscheidung stand an: „Make or buy?“ 1991 fiel die Entscheidung, eine eigene Elektronikfertigung in Bruchsal zu installieren. In den Folgejahren entwickelte SEW-Eurodrive ein innovatives Gesamtkonzept, das die moderne Antriebstechnik künftig nachhaltig beeinflussen sollte: Dezentrale Antriebssysteme, bei denen die Komponenten direkt an der Maschine untergebracht waren, steigerten die Leistungsfähigkeit der Produktionsanlagen. 1997 stellte SEW-Eurodrive auf der Hannover Messe den ersten Getriebemotor mit integriertem Frequenzumrichter vor: Movimot – ein entscheidender Schritt in das mechatronische Zeitalter.

2000er Jahre: Durchbruch der Mechatronik

Auch auf der Nachfrageseite vollzog sich ein markanter Wandel: Die Kunden wollen in immer stärkerem Maße komplette Lösungen erwerben. 2005 stellte SEW-Eurodrive auf der Hannover Messe mit Movigear ein mechatronisches Antriebssystem vor, bei dem Motor, Getriebe und Umrichter zu einer Einheit verschmelzen. 2007 präsentierte SEW-Eurodrive dann eine eigenentwickelte Industriegetriebe-Baureihe, die das Programm nach oben erweiterte. Zur Fertigung dieser Getriebe entstand in Bruchsal ein neues Produktionswerk.

2010er: Weitere Erhöhung der Energieeffizienz

Schon seit 2002 bietet SEW- Eurodrive spezielle Energiesparmotoren mit Kupferläufern an. Heute ermöglicht der Standard-Motorbaukasten DR weltweit Millionen von Antriebskombinationen. Seit der Hannover Messe 2011 wurde er um die Ausführung DRU erweitert, die auch die Anforderungen der Effizienzklasse Super Premium Efficiency erfüllt. Es ist auch die Dekade, in der die Kundenwünsche noch mehr in den Mittelpunkt rücken. SEW-Eurodrive kann mit der Erfahrung aus millionenfachen Anwendungen seinen Kunden einen deutlichen Mehrwert bieten, der über das reine Produkt hinausgeht.

Die Bedeutung der Erfindung des Getriebemotors für die industrielle Fertigung kann kaum hoch genug eingeschätzt werden, meinen nicht nur viele Antriebsspezialisten. Motor-Getriebe-Einheiten kommen heute in allen Branchen der Produktion und Logistik zum Einsatz und eröffnen vielfältige Einsatzmöglichkeiten.

* Gunthart Mau, Referent Fachpresse bei SEW-Eurodrive

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