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Nachgefragt: 3 Experten zu I4.0 – Teil 1

Die vernetzte Produktion braucht Zeit für gute Strategien

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Firmen zum Thema

Ist die Plattform Industrie 4.0 des BMWi aus Ihrer Sicht auf dem richtigen Weg oder was muss noch getan werden, um vor allem auch dem Mittelstand den Zugang zu Indus­trie 4.0 zu erleichtern? Oder: Was müssen Industrieunternehmen noch lernen? Sind Sicherheitsbedenken die größten Bremsklötze?

Dr. Christopher Ganz, IoTSP Program Manager ABB, Zürich: „Nicht immer mehr zu digitalisieren, sondern aus dem Gelernten Aktionen abzuleiten – macht den Unterschied.“
Dr. Christopher Ganz, IoTSP Program Manager ABB, Zürich: „Nicht immer mehr zu digitalisieren, sondern aus dem Gelernten Aktionen abzuleiten – macht den Unterschied.“
(Bild: ABB)

Dr. Christopher Ganz: Die Plattform Industrie 4.0 ist als Initiative der deutschen Bundesregierung, deutscher Industrieunternehmen und Verbände bekannt geworden und hat sich in den letzten vier, fünf Jahren im Wesentlichen darum verdient gemacht, die Digitalisierung der Fertigungsindustrie in das Bewusstsein von Fachleuten und der interessierten Allgemeinheit zu bringen. ABB war von Anfang an ein aktiver Teilnehmer dieser Plattform und engagierte sich genauso frühzeitig im Industrial Internet Consortium. Wir haben auf dem Gebiet der Digitalisierung in technischen Unternehmen jahrzehntelange Erfahrung und bringen mit unserem IoTSP-Konzept, sprich dem ‚Internet of Things, Services and People‘ diese Erfahrungen in allen von uns adressierten Industrien zum Einsatz – von der Prozessindustrie über die Infrastrukturlösungen bis zur diskreten Fertigung. Wir sind technisch gesehen von einem Intranet der Dinge fließend in ein Internet der Dinge übergegangen. Da die Plattform und das IIC kürzlich ihre Zusammenarbeit bekanntgegeben haben sehen wir uns in unserer Aufstellung diesem Thema gegenüber ideal positioniert. Wir haben alle Komponenten integriert, die es braucht, um unseren Kunden einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Die höchsten Sicherheitsanforderungen sind von zentraler Bedeutung, wenn die Digitalisierung und Integration entlang der Wertschöpfungskette fortschreitet. Von ABB werden entsprechende Maßnahmen bereits umfassend implementiert. Einen Bremsklotz für die weitere Durchdringung der Industrien mit produktivitätssteigernden Techniken sehen wir darin nicht.

Dr.-Ing. Roman Dumitrescu, Geschäftsführer it’s OWL Clustermanagement und Direktor Fraunhofer Einrichtung Entwurfstechnik Mechatronik: „Das Thema Sensibilisierung des Mittelstands steht oben auf der Agenda.“
Dr.-Ing. Roman Dumitrescu, Geschäftsführer it’s OWL Clustermanagement und Direktor Fraunhofer Einrichtung Entwurfstechnik Mechatronik: „Das Thema Sensibilisierung des Mittelstands steht oben auf der Agenda.“
(Bild: it´s OWL)

Roman Dumitrescu: Die Plattform hat einen wesentlichen Schritt in die richtige Richtung getan. Wir unterstützen deren Arbeit ausdrücklich und sind in verschiedenen Gremien vertreten. Von daher weiß ich, dass das Thema Sensibilisierung des Mittelstands oben auf der Agenda steht. Aber das ist nicht so einfach. Die veröffentlichten Use Cases sind sicherlich eine hervorragende Maßnahme. Nichts überzeugt mehr als eingängige Beispiele aus der Praxis. In unserem Spitzencluster haben wir den Technologietransfer in den Mittelstand als eines der wichtigsten drei Themen identifiziert. Dazu führen wir sogenannte Transferprojekte mit kleineren und mittleren Unternehmen durch. In diesen Projekten werden neue Technologien für intelligente Produkte und Produktionsverfahren in einem Zeitraum von rund sechs Monaten bei KMU in die Anwendung gebracht. So können erste Erfolge erzielt werden und die Unternehmen erhalten den Einstieg in das Thema Industrie 4.0. Vermeintliche Bremsklötze und Hürden werden dabei schnell abgebaut, wenn das Unternehmen sich öffnet und konstruktiv an die Themen herangeht. Die Resonanz aus dem Mittelstand ist hervorragend. 70 Projekte haben wir bisher durchgeführt, weitere 100 werden wir bis Ende 2017 noch umsetzen. Die größte Herausforderung für den Mittelstand sehe ich persönlich jedoch nicht in dessen Innovationsstärke oder in Bedenken gegenüber neuen Technologien. Vielmehr müssen die Unternehmen Zeit und Personal in das komplexe Thema Digitalisierung und Industrie 4.0 investieren. In großen Unternehmen gibt es Corporate Technology Abteilungen. Darüber verfügen Mittelständler in der Regel nicht und müssen daher den digitalen Wandel und das Tagesgeschäft Hand in Hand lösen. Da können Technologie-Netzwerke wie it’s OWL helfen und wichtige Unterstützungsangebote geben.

Oliver Winzenried, Vorstand von Wibu-Systems und Vorsitzender des Vorstands der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Produkt- und Know-how-Schutz: „Die fertigende Industrie braucht eine Strategie, wie Sie ihren Kunden nutzen bringen kann.“
Oliver Winzenried, Vorstand von Wibu-Systems und Vorsitzender des Vorstands der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Produkt- und Know-how-Schutz: „Die fertigende Industrie braucht eine Strategie, wie Sie ihren Kunden nutzen bringen kann.“
(Bild: Wibu-Systems)

Oliver Winzenried: Die Verbändeplattform hat hervorragende Arbeit geleistet auch wenn es in der Presse nicht immer so dargestellt wurde. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Stichworte: RAMI 4.0 Referenzarchitekturmodell, Industrie-4.0-Komponente und Forschungsroadmap. Deutschland ist hier Vorreiter gewesen von all den inzwischen gestarteten weltweiten Aktivitäten wie IIC in den USA, Made in China 2025. Die neue Plattform unter Beteiligung von Politik und Gewerkschaften wurde im April 2015 ausgebaut. Die größere Runde halte ich für sinnvoll, insbesondere um die Menschen mitzunehmen. Die Arbeitsplätze werden sich verändern, weg von körperlich schwerer, unangenehmer Arbeit hin zu anspruchsvolleren flexiblen Tätigkeiten. Dies erfordert Aus- und Weiterbildung. Damit wird die Qualifikation gesteigert. Ich bin auch überzeugt davon, dass trotz höherer Effizienz die Beschäftigung insgesamt zunehmen wird, da mehr Produktion in Deutschland stattfinden kann. Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen, zum Beispiel steuerlich aber auch arbeitsrechtlich hinsichtlich erforderlicher Flexibilität zum Nutzen der Mitarbeiter und der Unternehmen. Weiterhin sollte die Förderung gesteigert werden, denn sie ist im Vergleich zu China, Südkorea, USA usw. deutlich niedriger. Primär sind aber die Unternehmen gefragt. Die fertigende Industrie braucht eine Strategie, wie sie ihren Kunden Nutzen bringen kann. Die oft ins Feld geführten Sicherheitsbedenken lassen sich mit bereits bestehenden Produkten lösen. Hier vermisse ich manchmal die Bereitschaft, jetzt zu starten. Die Unternehmen, die dies wie Trumpf oder Schunck mit großem Elan tun, werden als Vorreiter die ersten Profiteure sein. Finanzierung wird oft als weitere Hürde angeführt. Hier ist die aktuelle Kapitalmarktsituation aber eine Chance.

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