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Nachgefragt: 3 Experten zu I4.0 – Teil 1

Die vernetzte Produktion braucht Zeit für gute Strategien

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Um maßgeschneiderte Geschäftsmodelle für die Digitalisierung anbieten zu können, bedarf es sicher einer guten Strategie. Gibt es in Ihrem Unternehmen bereits eine solche? Welche strategischen Maßnahmen können Sie empfehlen?

Dr. Christopher Ganz, IoTSP Program Manager ABB, Zürich: „Nicht immer mehr zu digitalisieren, sondern aus dem Gelernten Aktionen abzuleiten – macht den Unterschied.“
Dr. Christopher Ganz, IoTSP Program Manager ABB, Zürich: „Nicht immer mehr zu digitalisieren, sondern aus dem Gelernten Aktionen abzuleiten – macht den Unterschied.“
(Bild: ABB)

Dr. Christopher Ganz: Mit Ihrer Fragestellung haben Sie schon auf das wichtigste Element eines erfolgreichen Geschäftsmodells hingewiesen: das Modell muss maßgeschneidert sein. Nur wenn die Größe und die Art der zu optimierenden Wertschöpfungskette individuell betrachtet wird, kann ein darauf passendes Geschäftsmodell entwickelt werden. Unserer Meinung nach geht es auch nicht um die Digitalisierung, denn digital sind die meisten Prozesse und Anlagen in der Industrie seit vielen Jahren. Vielmehr geht es um die holistische Betrachtung der Wertschöpfungskette und wie die einzelnen Elemente – dank digitaler Technik – noch besser aufeinander abgestimmt werden können. Demzufolge gibt es nicht die eine richtige Strategie oder den einen Königsweg. Am wichtigsten ist zu realisieren, dass aus der Vielzahl der Daten, die künftig von den unterschiedlichsten Stellen der Wertschöpfungskette gewonnen werden, nutzbare Informationen entstehen – die dann schließlich in sinnvolle Handlungen umgesetzt werden. Immer mehr zu digitalisieren macht nämlich keinen Unterschied – aus dem Gelernten Aktionen abzuleiten, das macht den Unterschied. Und dafür haben wir für einige Bereiche schon zielführende Strategien entwickelt.

Dr.-Ing. Roman Dumitrescu, Geschäftsführer it’s OWL Clustermanagement und Direktor Fraunhofer Einrichtung Entwurfstechnik Mechatronik: „Das Thema Sensibilisierung des Mittelstands steht oben auf der Agenda.“
Dr.-Ing. Roman Dumitrescu, Geschäftsführer it’s OWL Clustermanagement und Direktor Fraunhofer Einrichtung Entwurfstechnik Mechatronik: „Das Thema Sensibilisierung des Mittelstands steht oben auf der Agenda.“
(Bild: it´s OWL)

Dr. Roman Dumitrescu: Ein Geschäftsmodell kann nur erfolgreich sein, wenn es auf einer entsprechenden Strategie basiert. Das vergessen viele und reden heute über neue Geschäftsmodelle in der Industrie 4.0. Was wir brauchen sind aber neue Geschäftsideen. Und diese werden zunehmend nicht durch die Sichtweise eines Unternehmens geprägt sein, sondern über mehrere Unternehmen hinweg. Das ist eine neue Komplexität in der strategischen Produkt- und Geschäftsplanung, die sich durch das Internet ja bereits in den letzten Jahren angedeutet hat. Im Spitzencluster it’s OWL sind wir da aber sehr gut aufgestellt. Einige Partner, wie das Heinz Nixdorf Institut und das Fraunhofer IEM führen ein größeres Forschungsprojekt im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums durch, das sich Geschäftsmodelle für Industrie 4.0 (kurz GEMINI 4.0) nennt. Hier werden für unsere Unternehmen wiederkehrende Geschäftsmodelle analysiert und für Dritte wiederverwendbar aufbereitet. Es ist ja tatsächlich so, dass auch die vermeintlichen neuen Geschäftsmodelle eher Kombinationen aus bestehenden sind. Die meisten Unternehmen gehen dabei nicht systematisch genug vor. Hier helfen solche Projekte vor allem den KMUs.

Oliver Winzenried, Vorstand von Wibu-Systems und Vorsitzender des Vorstands der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Produkt- und Know-how-Schutz: „Die fertigende Industrie braucht eine Strategie, wie Sie ihren Kunden nutzen bringen kann.“
Oliver Winzenried, Vorstand von Wibu-Systems und Vorsitzender des Vorstands der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Produkt- und Know-how-Schutz: „Die fertigende Industrie braucht eine Strategie, wie Sie ihren Kunden nutzen bringen kann.“
(Bild: Wibu-Systems)

Oliver Winzenried: Ihre Frage kann ich mit Ja beantworten. Wir haben bereits Strategien, in vielerlei Hinsicht. Erstens für die eigene Produktion: Mehr und mehr unserer Codemeter-Dongles, die Berechtigungen und kryptografische Schlüssel speichern, und damit zur Umsetzung der Sicherheit in Industrie 4.0 eingesetzt werden, sind kundenspezifisch gefertigt. Dies kann ein individuelles Gehäuse sein, eine Laserkennzeichnung oder bereits eine Personalisierung. In einem nahezu papierlosen Prozess werden die Aufträge vom Vertrieb erfasst, von der Produktion mit Termin bestätigt und in der automatisierten Fertigung hergestellt, egal ob es sich um ein Stück oder um Zehntausend Stück handelt. Zweitens für den Einsatz unserer Technologie: Mit Codemeter bieten wir den Herstellern in der Automatisierungstechnik Softwarekomponenten und Smart-Card Chip-basierte sichere Schlüsselspeicher, die es Automatisierern und Sensorherstellern ermöglichen, die Security in ihren Produkten einfach zu integrieren. Dies funktioniert auch für bestehende Systeme, weil die Sicherheitskomponente steckbar und für viele indus­trielle Schnittstellen wie beispielsweise Micro SD, SD, CF oder C Fast erhältlich ist. Jedes Unternehmen sollte aber seine eigene Strategie entwickeln. Dabei halte ich folgende Aspekte für wichtig: Wo liegt der Kundennutzen? Wie können die Industrie-4.0-Mechanismen in eigenen Produkten oder Prozessen genutzt werden: um Entwicklungskosten, Zeit und Stückkosten zu reduzieren; für Kooperationen, um den direkten Draht zum Kunden zu behalten; um flexible Prozesse einzubauen; um Kosten zu reduzieren, beispielsweise bei Rüstzeiten, Energieeffizienz oder Abfallvermeidung. Eigene Schritte sollten anhand von Best-Practice-Beispielen ergriffen werden. Für einen gefährlichen Fehler halte ich: Nichts tun und abwarten, bis andere einen großen Vorsprung haben.

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