Energieführung Energieführungs-Ketten in der Fernsehtechnik

Redakteur: Dipl. -Ing. Ines Stotz

Im modernen Übertragungswagen Ü6 des Medien-Dienstleisters Studio Berlin Adlershof, gebaut bei der Thomson-Tochter Grass Valley, tragen 30 Energieführungs-Ketten von Kabelschlepp vom Typ KC 0650 dazu bei, jedes aktuelle Ereignis auf die Bildschirme zu bringen.

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Grass Valley hat sich beim Ü6-Wagen für die Kabelschlepp-Hybridketten KC 650 mit Kettenbändern aus Kunststoff und Rahmenstegen aus Aluminium entschieden.
Grass Valley hat sich beim Ü6-Wagen für die Kabelschlepp-Hybridketten KC 650 mit Kettenbändern aus Kunststoff und Rahmenstegen aus Aluminium entschieden.
( Archiv: Vogel Business Media )

Seit 1939 entwickelt und vertreibt Grass Valley Studiotechnik für die Fernsehübertragung. Ein weiterer Geschäftsbereich entwickelt mobile Fernsehstudios – vom 3,5-t-Kastenfahrzeug bis zum 40-t-Sattelauflieger. Ab einer Größe mit drei Achsen und 25 t Gewicht sind die Fahrzeuge mit Seitenauszugsteilen ausgestattet, um trotz der Größenbeschränkungen der StVZO den jeweils benötigten Platz zur Verfügung zu stellen. Dabei ist jeder schlüsselfertige Ü-Wagen eine Einzelanfertigung.

Auch das Film- und Fernseh-Produktionszentrum Studio Berlin Adlershof verfügt seit vergangenem Jahr über einen solchen HDTV (High Definition Television)-Übertragungswagen, der mit bis zu 25 HD-Kameras, 4-Ebenen-Videomischer mit 62 Eingängen und einem Audiomischer ausgestattet ist. Und durch die ausziehbaren Seitenteile entsteht ein komfortabler und mobiler Arbeitsraum für jede Art von Produktion.

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Ü6 besteht aus einem 3-achsigen Sattelauflieger und einer 2-Achs-Zugmaschine mit 40 t Gesamtgewicht, 16,5 m Länge und 4 m Höhe. In fahrbereitem Zustand erreicht er die maximal zulässige Breite von 2,55 m; betriebsbereit – also mit ausgefahrenen Seitenteilen – misst er 4,5 m. Der Rahmen des Aufliegers wurde relativ flach gehalten, so dass das Transportvolumen entsprechend maximiert werden konnte. Eine Besonderheit ist auch die Klimadecke mit einer Kälteleistung von 66 kW, die eine Aufteilung des Ü-Wagens in vier verschiedene Klimazonen erlaubt.

Hybridketten meistern kritische Verhältnisse

Die höhere Übertragungsfrequenz des verwendeten HDTV-Signals macht die Verkabelung kritischer. HDTV-Kabel dürfen beispielsweise nicht gequetscht werden und müssen bestimmte Mindest-Biegeradien einhalten. Dabei müssen sich die um etwa einen Meter ausfahrbaren Seitenteile flexibel mit Signal- und Energiekabeln sowie Kühlmittel-Schläuchen an die Basisgruppe anbinden lassen. Grass Valley, der bereits seit mehreren Jahren mit Kabelschlepp zusammen arbeitet, setzte auch beim Studio-Berlin-Projekt zur sicheren und schonenden Führung der Leitungen die Energieführungs-Ketten des Siegener Herstellers ein. Typ, Größe und Krümmungsradien der Ketten wurden zusammen mit den Beratungsingenieuren von Kabelschlepp definiert – die diesen Projektierungsservice und Support als Standard bieten.

Schließlich entschieden sich die Grass-Valley-Konstrukteure für die Hybridketten KC 0650 mit Kettenbändern aus Kunststoff und Rahmenstegen aus Aluminium. Diese haben eine Innenhöhe von 38 mm und sind im 1-mm-Breitenraster lieferbar – ein Merkmal von besonderer Bedeutung: Denn wegen der hohen Packungsdichte und dem begrenzten Raum im Zwischenboden sollte kein Millimeter verschenkt werden (reine Kunststoffketten haben Rasterschritte ab 8 mm Abstand). Die gewählten Ketten haben zudem eine stabile Laschenkonstruktion und verfügen über ein gekapseltes, schmutz-unempfindliches Anschlagsystem. Und für eine großflächige Kraftübertragung der Zug- und Schubkräfte sorgt eine optimierte Gelenkkonstruktion nach dem Topf-Deckel-Prinzip.

Öffnen und Schließen einfach gemacht

Eine Eigenschaft der Ketten jedoch ist für Dirk Gottwald, verantwortlicher Konstrukteur für Sonderfahrzeuge bei Grass Valley, besonders wichtig. Die Vorkonfektionierung der Leitungen mit Steckverbindern unterschiedlicher Größe macht ein Durchfädeln unmöglich. Die Energieführungs-Ketten mit ihren rund zwei Metern Länge müssen deshalb schnell zu öffnen und wieder zu verschließen sein. Genau das erfüllt die KC-Serie: durch eine 90-Grad-Drehung des Steges sowohl im Innen- als auch im Außenradius.

Aus Kapazitätsgründen wurden die Ketten doppelt gelegt. Die innere Kette beherbergt Leitungen, deren Mindest-Biegeradius von 115 mm klein und somit unkritisch ist. Die kritischen Leitungen wiederum wurden in den äußeren Ketten platziert, die einen Krümmungsradius von 175 mm aufweisen – unter anderem sind hier die empfindlichen, 14 mm starken Triax-Kamera-Kabel untergebracht. Insgesamt wurden im Ü6-Wagen auf einer Fläche von ca. 2,5 × 13 m² 30 Energieführungs-Ketten verbaut: zwei Kettenpaare für Audio, neun für Bildregie und Bildtechnik sowie vier für Slow motion.

Gleitscheiben minimieren die Reibung

Zur mechanischen Unterstützung werden die Ketten auf 2 mm starken Edelstahlblechen geführt. Um Reibung und damit vorzeitigen Verschleiß zu minimieren, ist jedes vierte Glied mit einer einfach aufzusteckenden Gleitscheibe ausgerüstet, weil die Ketten um 90 Grad gedreht laufen. Die Befestigung an den Anschlagpunkten erfolgt mit UMBs (Universal Mounting Brackets) von Kabelschlepp – Anschlussstücke, die sich wahlweise mit allen drei freien Seiten an den Fest- und Mitnehmerpunkten montieren lassen. Der Vorteil: Mit nur einem Anschlussstück sind fast alle Anschlussvarianten ohne Umbau oder detaillierte Spezifikation realisierbar.

Der Durchmesser der in den Ketten geführten Leitungen beträgt zwischen 4,7 und 14 mm, dazu kommen in einigen Ketten Klimaschläuche, die mit der Isolierung die gesamte Kettenhöhe ausfüllen. Um diese unterschiedlichen Leitungen sicher und schonend zu führen, wird das Trennstegsystem TS0 eingesetzt, das den Kettenquerschnitt in einzelne Kammern unterteilt und so die Leitungen voneinander separiert.

„Mit den Produkten von Kabelschlepp sind wir sehr zufrieden. Denn die Qualität und Lebensdauer der Ketten müssen sehr hoch sein, außerdem müssen sich die Kabel schonend führen lassen, um eine hohe Ausfallsicherheit zu gewährleisten. Es wäre für unsere Kunden eine Katastrophe, wenn mitten in einer Übertragung Bild oder Ton ausfielen, weil eine Leitung beschädigt ist“, resümiert Dirk Gottwald.

Das Studio Berlin Adlershof gehört seit 1994 zur Studio Hamburg Gruppe, einem der größten und erfolgreichsten Produktions- und Medien-Unternehmen Deutschlands. Mit dem Erwerb der Grundstücke und der Generalsanierung der Studios am Standort des ehemaligen Fernsehens der DDR begann der Ausbau zu einem hochmodernen Film- und Fernseh-Produktionszentrum. So gilt etwa das Studio G mit seiner Peripherie wie Bild- und Tonregie, Schnittplätze sowie Produktions-, Masken- und Garderoben-Räumen als eines der größten Europas. Als technischer Dienstleister mit digitalen Übertragungswagen und Schnittmobilen gehört das Studio zu den Marktführern in diesem Segment.

Ein Übertragungswagen beherbergt ein komplettes Fernsehstudio, vollgepackt mit modernster Elektronik für Bild- und Tonregie, Bildtechnik und Edit-Raum. Als Endprodukt steht ein sendefähiges Signal zur Verfügung, das über Glasfaserkabel oder Satellit an die jeweiligen Sendeanstalten übertragen wird. Die zunehmende Verbreitung von hochauflösenden Sendungen (HDTV) stellt dabei wieder neue Anforderungen an die Konstrukteure der Ü-Wagen: Die Packungsdichte der eingebauten Elektronik-Komponenten steigt ständig. Das heißt, die Komponenten werden kleiner, und der so eingesparte Platz lässt sich für andere Komponenten nutzen. Damit steigt die gesamte Energiebilanz der Ü-Wagen. Durch die höhere Übertragungsfrequenz des HDTV-Signals wird aber auch die Verkabelung kritischer. HDTV-Kabel dürfen beispielsweise nicht gequetscht werden und müssen bestimmte Mindestbiegeradien einhalten.

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