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Standort

Essen - die Hauptstadt der Energie?

| Redakteur: Robert Weber

Der Vorstandsvorsitzende der RWE Deutschland AG Dr. Arndt Neuhaus bezeichnet auf der diesjährigen E-world energy and water Essen als die Energiehauptstadt Deutschlands. Diese Aussage regt zum Nachdenken an, und bei genauerer Betrachtung finden sich Begründungen für die Äußerungen des RWE Managers. So ist Essen eine Großstadt mit 700.000 Einwohnern im Zentrum des Ruhrgebiets, das gerade in den letzten beiden Jahrhunderten für seine Stahlindustrie und die Kohleförderung weltweit bekannt wurde.

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Prägten auch Steinkohlkraftwerke das Bild der Energieversorgung wie im Hintergrund, so sind in Deutschland zunächst durch das EEG gesteuert, dann nach der beschlossenen Energiewende erneuerbare Energien auf dem Vormarsch, wie im Vordergrund.
Prägten auch Steinkohlkraftwerke das Bild der Energieversorgung wie im Hintergrund, so sind in Deutschland zunächst durch das EEG gesteuert, dann nach der beschlossenen Energiewende erneuerbare Energien auf dem Vormarsch, wie im Vordergrund.
(Bild: Isenburg)

Für die Verarbeitung der Eisenwerkstoffe stehen in der Region Namen wie Stinnes, Krupp, Thyssen und Hoesch. Gerade die Nähe zum unter Tage liegenden Primärenergieträger Kohle förderte diese Industrien, genauso wie die innovationsfreudigen und leidenschaftlich arbeitenden Menschen.

Dieses Klima benötigt Energie und die lieferten Kraftwerke, zunächst im Wesentlichen auf der Basis von Kohle. Prägend für die Stadt ist sicher die Unternehmerdynastie Krupp mit ihrem zeitweise gigantischen Industrieimperium sowie bahnbrechenden Edelstahlpatent. Dabei war Essen einmal die Stadt mit den meisten Steinkohlezechen des Kontinents. Heute sind Industriestruktur und Produktionsprogramme breit gestreut. Die Essener Unternehmen sind auf vielen Märkten der Welt vertreten. Essen gilt heute als eines der Entscheidungszentren der deutschen Wirtschaft. So sind acht der 100 umsatzstärksten Unternehmen des Landes hier mit ihren Konzernzentralen beheimatet. Neben anderen, haben Thyssen Krupp sowie die RWE AG als im Dax gelistete Unternehmen ihren Konzernsitz in der Rheinruhr Metropole. Zu den weiteren Großunternehmen mit Sitz in Essen zählen die Evonik Industries AG, die Steag als fünftgrößter deutscher Stromanbieter, sowie eine Niederlassung der Siemens AG.

Essen lebt mit und von der Energie

Bei diesen Standortfaktoren ist es nicht verwunderlich, dass sich in der Stadt auch die Wiege der RWE AG befindet. So wurde das Unternehmen in den Jahren 1897 und 98 in der Ruhrgebietsmetropole gegründet. Das Grundkapital belief sich auf die für die damaligen Verhältnisse gigantische Summe von 2,5 Millionen Reichsmark. Zum ersten Aufsichtsrat gehörten neben dem Essener Oberbürgermeister Erich Zweigert der Industrielle Hugo Stinnes, einer der einflussreichsten Männer seiner Zeit. Gerade Stinnes galt als ein Experte für Energie und Verkehr. Dem Unternehmer wird die Elektrifizierung des Westens zugeschrieben. Zur Jahrhundertwende wurde das erste, auf einem Zechengelände errichtete Kraftwerk mit einer Leistung von 1,2 MW in Betrieb genommen. Infolge der Elektrokrise verkaufte das Unternehmen seine Aktien an die zusammenarbeitenden Unternehmer Hugo Stinnes und August Thyssen, die beiden gelten als die Gründer des RWE. In den folgenden Jahren expandiert das RWE, übernimmt Elektrizitätswerke und baut ein Strom- und Gasnetz auf. Die Luftangriffe des zweiten Weltkrieges treffen Essen, das die Rüstungsschmieden Krupps beherbergte, sehr schwer und 1945 bricht das Verbundnetz des RWE zusammen. Nach dem Krieg stehen zunächst Demontage und Instandsetzung der Kraftwerke auf dem Programm, denn Strom wird für den Wiederaufbau benötigt. So kann 1948 die Stromrationierung aufgehoben werden. 1950 übertreffen sowohl die installierte Leistung als auch die Stromabgabe erstmals den Spitzenwert der Vorkriegszeit. Dabei ist die Energiepolitik immer eng mit dem Schicksal eines Landes verknüpft. Ein Beispiel ist sicher die auch auf den französischen Außenminister zurückgehende Montanunion, mit weitreichenden Folgen für das Ruhrgebiet. Diese gilt als Wiege der Europäischen Gemeinschaft. Hierzu meinte Schuman 1950: „Der Zusammenschluss der Kohle- und Stahlproduktion wird die Geschichte jener Gebiete wandeln, die seit alters her gerne Waffen geführt haben, deren ständige Opfer sie selbst gewesen sind.“ Anfang der 60er Jahre verfügt das Essener Energieunternehmen mit 795 Millionen DM über das größte Grundkapital eines deutschen Unternehmens. Auch geht Anfang der 60er Jahre das erste Kernkraftwerk ans Netz. Das 1961 erbaute Verwaltungshochhaus prägt zusammen mit dem Rheinstahl-Haus und dem später errichteten Postgiroamt das Essener Stadtbild. Die Energieversorgung dieser Zeit basiert weitestgehend auf Kohle, jedoch betreten die Primärenergieträger Öl und Erdgas zunehmend die Bühne. Auch übertrifft die Leistung der gebauten Kraftwerke nun häufig die 1000 MW-Grenze.

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Spätestens seit Ende der 60er Jahre bilden sich dunkle Wolken am Himmel des deutschen Wirtschaftswunders. Der Jom-Kippur-Krieg mit seinem Erdölembargo für die Israel fördernden Nationen verdeutlicht den großen Einfluss einer sicheren Energieversorgung auf die Volkswirtschaft eines Landes. In der Ruhrmetropole reagiert man mit einem Dreiecksgeschäft: Im Rahmen eines spektakulären Dreiecksgeschäfts - vorfinanziert durch die Deutsche Bank – lieferte Mannesmann Großrohre für den Pipelinebau in die Sowjetunion. Der Ruhrgas-Konzern wurde im Gegenzug mit Gas aus Sibirien beliefert.

Die folgenden Jahrzehnte werden bei dem Essener Dax-Konzern RWE von Umstrukturierungen und wechselnden Beteiligen an unterschiedlichen Techniken begleitet. Gesellschaftlich stellt die Umweltbewegung Forderungen nach einer Abschaltung der Kernkraftwerke sowie einer Reduzierung der Rauchgase. Ab der Jahrtausendwende ist das Ende der Kernkraftwerke in Deutschland absehbar. Mit dem Reaktorunglück in Fukushima wird in Berlin die Energiewende beschlossen. Dieses stellt die Energiehauptstadt Essen vor neue Realitäten, denn die Energieversorger müssen auf völlig andere Rahmenbedingungen reagieren: Erneuerbare Energien sind die Basis der Energiewende: Auf dem Weg zu einem verringerten Rohstoffverbrauch sowie verbessertem Klimaschutz spielt die Entwicklung neuer Techniken in den Bereichen Mobilität, Strom und Wärmeversorgung eine zentrale Rolle in der Energiepolitik. So reagiert man in Essen auf das Ziel der Bundesregierung, bis 2020 eine Mio. Elektromobile auf Deutschlands Straßen zu haben, mit 52 Ladestationen in 10 km Umkreis vom Essener Stadtkern. In der 3,5-Mio.stadt Berlin sind es auf einer vergleichbaren Fläche 79 Stationen.

Jüngstes Beispiel der Innovationsfreude in Essen ist die Integration des Supraleiterkabels in das bestehende Stromnetz. Durch das Kabel werden zwei Umspannanlagen miteinander verbunden. Im Vergleich zu herkömmlichen Kabeln wird eine fünf Mal so hohe Strommenge verlustfrei transportiert. Das Projekt trägt dabei den Namen AmpaCity. Zur Inbetriebnahme vor Ort war auch der Physiknobelpreisträger Dr. Johannes Georg Bednorz aus dem Jahre 1987 zugegen, der die Supraleiter-Technik im weltweit ersten Praxistest mit in Betrieb nahm. Auch freute sich NRW Ministerpräsidentin Hannelore Kraft: „Das ist ein guter Tag für RWE, für die Stadt Essen, für Nordrhein-Westfalen und für die Energiewende in Deutschland. Ich freue mich besonders, dass die traditionsreiche Energiestadt Essen sich an dem Projekt AmpaCity beteiligt und es aktiv unterstützt“. Das Projekt findet reges Interesse im internationalen Rahmen.

Autor: Thomas Isenburg

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