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Norm für Niederspannungs-Schaltgeraetekombinationen IEC 61439 – Wie Schaltanlagenbauer Audits sicher bestehen

| Redakteur: Sariana Kunze

Die Norm IEC 61439, die alle Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen erfüllen müssen, bringt für Schaltanlagenbauer besondere technische Anforderungen und sogar Haftungsrisiken mit sich. Eine wichtige Rolle spielen die Audits. Diese Erfahrung macht auch Schalt-Technik Huber.

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Mit den Siemens-Audits können Schaltschrankbauer die Norm IEC 61439 zuverlässig erfüllen.
Mit den Siemens-Audits können Schaltschrankbauer die Norm IEC 61439 zuverlässig erfüllen.
(Bild: W.Geyer/Siemens)

Eine Niederspannungs-Schaltanlage soll für eine hochverfügbare elektrische Energieverteilung in Industriebetrieben oder Gebäuden sorgen und zudem die Sicherheit von Mensch und Anlage sicherstellen. Diese Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen müssen alle seit 2014 im europäischen Wirtschaftsraum die Norm IEC 61439 erfüllen. Jetzt wurde die Norm restrukturiert und inhaltlich verändert. Sie beschreibt im Vergleich zur Vorgänger-Norm IEC 60439 eindeutige Verantwortungsbereiche – und zwar unterteilt in die Aufgaben des „ursprünglichen Herstellers“ und die des „Herstellers einer Schaltgerätekombination“. Daraus ergeben sich für den Schaltanlagenbauer besondere technische Anforderungen sowie Haftungsrisiken. Der „ursprüngliche Hersteller“ ist das Unternehmen, das die ursprüngliche Konstruktion und den zugehörigen Nachweis der Schaltgerätekombination nach der zutreffenden Norm durchgeführt hat. Anhand der Niederspannungs-Schaltanlage Sivacon S8 von Siemens wird deutlich, wie das Unternehmen mit Audits Schaltanlagenbauern die Normenkonformität garantieren kann.

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Für Bauartnachweis müssen 13 Kriterien geprüft werden

Die Niederspannungs-Schaltanlage Sivacon S8 ist bauartnachgewiesen gemäß IEC 61439-1/2. Ein solcher Bauartnachweis ist sehr zeit- und kostenaufwändig. Im Einzelnen geht es um 13 zu prüfende Kriterien. Manche davon lassen sich relativ einfach belegen. Andere hingegen, wie z. B. die vorgeschriebene Erwärmungsprüfung, erfordern ein eigenes oder externes Prüflabor. Laut Siemens ist dies für normale Schaltanlagenbauer nicht zu realisieren. Deshalb arbeitet das Unternehmen beim Vertrieb der Anlagen mit ausgewählten Partnern zusammen, den Sivacon Technology Partnern. Ein zentrales Element der Partnerschaft sind regelmäßige Audits durch Siemens. Ein erfolgreich bestandenes Audit belegt, dass die qualitativen Anforderungen an die errichteten Sivacon S8-Anlagen erfüllt wurden. In Bezug auf Haftung und Gewährleistung sind sowohl der Partner als auch sein Kunde abgesichert.

Eine weitere – nicht verpflichtende, aber relevante – Norm ist die EC/TR 61641, die die Prüfung unter Störlichtbogen-Bedingungen betrifft. Zudem sind noch Zertifizierungen für Spezialanwendungen zu berücksichtigen, z. B. für den Einsatz auf Schiffen und in Offshore-Anlagen durch die weltweit führende Klassifikationsgesellschaft DNV GL. Auch diese werden mit dem Partnerprogramm abgedeckt.

Hier geht es zur ZVEI-Publikation „Neue Norm für Niederspannungs-Schaltgeraetekombinationen DIN EN 61439“

IEC 61439: Zwei Audit-Arten sind per App möglich

Innerhalb dieses Partnerverbundes werden die Audits auf zwei Arten durchgeführt: als Selbst-Audit sowie als sogenanntes Experten-Audit. Bei einem Experten-Audit besucht ein Siemens-Auditor den Partner. Dabei stehen fünf Auditoren für den deutschsprachigen Markt bereit. In anderen Märkten übernehmen Siemens-Kollegen vor Ort die Audits mit Unterstützung der deutschen Auditoren, beispielsweise durch Video-Zuschaltungen. Ein solches Experten-Audit findet mindestens alle drei Jahre statt, in der Regel aber jährlich. Zwischen den Experten-Audits sind zusätzlich jährliche Selbst-Audits vorgeschrieben. Beide Arten von Audits laufen App-basiert ab. Bei einem Selbstaudit führt die App das Partnerunternehmen durch 20 Fragen, die es beantwortet und mit Fotos und weiteren Dokumenten unterfüttert. Beim Experten-Audit, das mindestens einen Tag dauert, sind es sogar 53 Fragen, die Partner und Auditor gemeinsam durcharbeiten. Der Fragenkatalog beginnt immer mit Fragen zu unverzichtbaren Standards und Grundvoraussetzungen. Themen im zweiten Teil sind eine konkrete Anlage und die gesamte dazugehörige Prozesskette rund um Fertigung, Montage und Dokumentation. Dabei geht es ins Detail: Denn nur wenn alle Einzelheiten – bis hin zu beispielsweise bestimmten, normenseitig geforderten Schrauben – exakt beachtet werden, kann die Anlage dauerhaft störungsfrei arbeiten.

320 Felder liefert Schalt-Technik Huber pro Jahr aus

Ein Partner der ersten Stunde ist beispielsweise die Schalt-Technik Huber GmbH in München. Gegründet vor über 50 Jahren vom Vater des heutigen Inhabers Robert Huber, setzt das auf das Verteilen, Steuern und Monitoring von elektrischer Energie spezialisierte Familienunternehmen Siemens-Produkte ein. Seit 2004 ist die Firma offizieller Sivacon-Partner. „Im Konfliktfall werden wir durch die Entwicklungs- und Support-Abteilungen von Siemens unterstützt, sodass wir uns auf dem Markt und auch gegenüber dem Kunden behaupten können“, beschreibt Inhaber und Geschäftsführer Robert Huber. Der Ausbau von Sivacon-Anlagen gehört heute zum Kernportfolio bei Schalt-Technik Huber. Rund 320 Felder pro Jahr liefert das Unternehmen aus. Der elektrotechnische Ausbau der von Siemens gelieferten Anlagenteile umfasst auch die Kupferschienen und repräsentiert damit die größte Fertigungstiefe am deutschen Markt, so Huber. Die Audits durch Siemens ergänzen bei Schalt-Technik Huber die jährliche interne Auditierung sowie eine ebenfalls jährliche externe Überprüfung durch den Zertifizierer TÜV Süd.

Auditoren bringen tiefes Verständnis für die Abläufe mit

Obwohl die Münchner die Siemens-Audits somit nicht brauchen, greifen Robert Huber und sein Stellvertreter Daniel Holzberger, der auch das Qualitätsmanagement verantwortet, dennoch darauf zurück. Denn die Auditoren bringen ein tiefes Verständnis für die Abläufe und Herausforderungen mit. Das Team von Schalt-Technik Huber profitiert dadurch laut Siemens von den Erfahrungen aus vielen anderen Projekten, die in die Audits einfließen. Als ein Beispiel fällt Daniel Holzberger das Thema Rechtssicherheit bei der Dokumentation von Schaltanlagen ein. Denn seit dem verbindlichen Inkrafttreten der IEC 61439 im November 2014 ist viel detaillierter beschrieben, wie eine Niederspannungs-Schaltgerätekombination dokumentiert werden muss. Hier proaktiv voranzugehen lohnt sich aus Holzbergers Sicht umso mehr, wenn man durchschnittlich jede Woche eine neue Anlage baut und installiert. So ist für jede einzelne Anlage während ihrer gesamten Betriebsdauer sichergestellt, dass sämtliche Details zu Aufbau und Ausstattung auch nach Jahren noch lückenlos und transparent nachvollziehbar sind.

Mit dem Partnerprogramm können Unternehmen den von Siemens für die Niederspannungs-Schaltanlage gemäß IEC 61439-1/2 erbrachten Bauartnachweis nutzen. Dass sie die dafür erforderlichen Qualitäts- und Sicherheitsstandards erfüllen, belegen verpflichtende Audits.

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