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Meilenstein der Automation: Industriesteckverbinder

Mit smarter Connectivity zum Weltunternehmen werden

| Autor: Sariana Kunze

Connectivity liegt im Trend und wird zunehmend smarter, da ist sich Philip Harting, Vorstandsvorsitzender der Harting Technologiegruppe, sicher. Im Interview mit elektrotechnik AUTOMATISIERUNG erklärt er, warum Harting strategisch auf Trends, Normungsarbeit sowie Partnerschaften setzt, um mit Produkten und Lösungen einen Beitrag zum technologischen Fortschritt zu leisten. Das Ziel: Ein Weltunternehmen werden.

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„Connectivity liegt im Trend. Besonders merken wir das durch die Nachfrage nach unseren Ethernet- und Power-Lösungen“, erklärt Philip Harting, Vorstandsvorsitzender, Harting Technologiegruppe, im Interview mit elektrotechnik AUTOMATISIERUNG.
„Connectivity liegt im Trend. Besonders merken wir das durch die Nachfrage nach unseren Ethernet- und Power-Lösungen“, erklärt Philip Harting, Vorstandsvorsitzender, Harting Technologiegruppe, im Interview mit elektrotechnik AUTOMATISIERUNG.
(Bild: Harting Stiftung)

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Herr Harting, seit über 70 Jahren ist Ihre Technologiegruppe am Markt vertreten. Welche Entwicklungen haben die Branche der elektrischen Verbindungstechnik besonders geprägt?

Philip Harting: Um nur einige Beispiele zu nennen: Schon wenige Jahre nach der Gründung des Unternehmens im Jahr 1945 durch meinen Großvater Wilhelm Harting wurde mit dem Han (= Harting Norm), patentiert 1956, ein Steckverbinder-Typ entwickelt und produziert, der zum Standard und damit zu dem weltweit bekannten Symbol für einen rechteckigen Industriesteckverbinder wurde. In der Branche heißt es daher: ‚Gib mir mal den Harting!‘ Aber auch die Entwicklung der Standards für metrische Steckverbinder und für die Leiterplattensteckverbinder-Familie DIN 41612 haben wir maßgeblich vorangetrieben. Vor rund 15 Jahren kam mit RJ Industrial der erste Industrie RJ45 mit feldkonfektionierbarer Anschlusstechnik auf den Markt. Heute ist der T1 Industrial weltweiter Standard für Single Pair Ethernet in der Industrie.

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elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Welche Trends sehen Sie bei der Verbindungstechnik?

Philip Harting: Im Zuge der Miniaturisierung setzt die Industrie zunehmend auf hybride Steckverbinder, die Daten und Leistung in einer Schnittstelle übertragen. Bei hybriden Schnittstellen genügt ein Kabel, wo bislang zwei oder drei parallel geführt wurden. Ein Beispiel wäre eine Verkettung dezentral angesteuerter Servomotoren, die mit Leistung und EtherCAT-Bussignalen zu versorgen sind. Zudem differenziert sich das Steckverbinder-Angebot immer weiter: Die Hersteller bemühen sich deshalb um neue standardisierte Lösungen für fest umrissene Applikationsbereiche. Darüber hinaus werden immer mehr smarte Funktionen in den Steckverbinder integriert: Die Zusatz-Features erleichtern z.B. das einfache und sichere Stecken oder erfüllen Funktionen außerhalb der Stromübertragung. Dafür sind neue Generationen an Steckverbindern notwendig.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Gibt es neue Märkte und Anwendungsfelder, die Sie künftig mit Produkten und Services adressieren werden?

Philip Harting: Wir sind gegenwärtig inmitten eines Wandels durch die Digitalisierung sowie durch die Implementierung von Smart Manufacturing in allen Industriesektoren, in denen wir Lösungen für und mit unseren Kunden gemeinsam entwickeln und anbieten. Diesen Wandel aktiv mitzugestalten ist unser Ziel. Dazu arbeiten wir einerseits an Smart Connectivity Lösungen, kundenspezifischen Adaptionen sowie zukünftigen Schnittstellenstandards. Mit unseren Produkten und Services erzielen unsere Kunden Effizienzvorteile. Das bedeutet für uns Kundennutzen. Das Leistungsspektrum der Harting Technologiegruppe unterstützt diesen Anspruch. Es umfasst dazu unter anderem Lösungen für Elektromobilität. Wir investieren aktiv in die Entwicklung neuer Technologien und Forschungspartnerschaften. Darüber hinaus entwickeln wir ebenso unser Geschäftsmodell weiter. So bieten wir neue Produkt-Service-Kombinationen basierend auf unserem Edge Computing System Mica (Modular Industry Computing Architecture) in Zusammenarbeit mit Partnern und Kunden an. Damit gestalten wir branchenübergreifende sowie zukunftsorientierte IIoT-Lösungen – und bieten bereits heute neue Lösungspakete für vorausschauende Wartung oder Zustandsüberwachung.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Ihr Unternehmen hat im vergangenen Jahr viele Partnerschaften geschlossen. Wie z.B. mit Bernstein oder Itelligence. Wie wählen Sie die Partner aus? Und: An welchen Produkten arbeiten Sie gemeinsam?

Philip Harting: Im Kontext von Industrie 4.0 kommt Partnerschaften große Bedeutung zu. Keiner kann alles allein, jeder hat seine eigenen Grenzen. Die Komplexität der Aufgaben und die klare Orientierung auf die Kundenbedürfnisse erfordern neben der Fokussierung auf die eigenen Kernkompetenzen die Öffnung in Richtung Partnerschaften und Netzwerken für herausragende Gesamtlösungen. Entscheidend dabei ist eine Kooperation auf Augenhöhe, beiderseitiger Nutzen und partnerschaftlicher Umgang im Interesse der Kunden. Eine Win-win-win-Situation also. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit von Harting mit den Partnern Rinspeed und Kuka bei der Entwicklung einer automatisierten Ladelösung für E-Mobility. Ein weiteres Beispiel ist unser Mica.network mit inzwischen mehr als 20 kompetenten Partnern.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Im Zuge von Industrie 4.0 kaufen viele Unternehmen Know-how in Form von Start-ups oder anderen Unternehmen zu. Wie ist die Strategie von Harting?

Philip Harting: Die Übernahme von Start-ups und anderen Unternehmen steht nicht auf der Tagesordnung. Wir setzen stattdessen auf Kooperationen mit anderen einschlägigen Anbietern und Herstellern sowie Engagements bei namhaften Einrichtungen von Wissenschaft und Forschung auf nationaler und internationaler Ebene. So wurden wir 2017 Partner der neuen „Robotation Academy“ im südchinesischen Foshan, die sich vor allem mit der Entwicklung intelligenter, smarter Fertigungsmethoden beschäftigt und Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft zusammenbringt. Das schafft die Grundlage für neue Produkte. Darüber hinaus engagieren wir uns im Netzwerk „it‘s OWL“ oder auch in der Zukunftsallianz Maschinenbau.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Apropos Digitalisierung: Software is eating the world. Wie sehen Sie die Verlagerung von Hardware zu Software und was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Mit der Harting Mica lassen sich digitale Prozesse bei Maschinen und Anlagen realisieren.
Mit der Harting Mica lassen sich digitale Prozesse bei Maschinen und Anlagen realisieren.
(Bild: Harting)

Philip Harting: Die Connectivity wird smart. Harting bereichert die klassische Connectivity um die datentechnische. Ein Beispiel dafür ist unsere 2016 auf der Hannover Messe mit dem Hermes Award ausgezeichnete Mica, eine modulare Plattform aus offener Hard- und Software.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Welche technischen Herausforderungen und Chancen sehen Sie?

Philip Harting: In Summe bestehen vielleicht mehr Möglichkeiten durch Mitgestaltung als technische Herausforderungen. Ein Beispiel: Wir implementieren unsere IIoT-Lösungen sehr früh in unseren eigenen Produktionsprozessen. Daraus lernen wir schnell, an welchen Punkten genau Kundennutzen entsteht. Wir gewinnen dadurch zusätzlich wichtige Aspekte zur technischen Implementierung. Ein Weg, um für unsere Kunden die technischen Herausforderungen bei der Implementierung zu senken. Dazu steht bei uns ein Verständnis des grundlegenden technologischen Wandels sowie der Kundenanforderungen im Mittelpunkt. Richtig ist aber auch, dass in vielen Anwendungsbereichen noch Unbestimmtheit beziehungsweise vielschichtige – technische – Lösungsansätze bestehen. Der Vormarsch von Künstlicher Intelligenz sowie der Aufbau von 5G-Netzen wird weitere Veränderungen und Chancen bringen. Darum arbeiten wir aktiv in Standardisierungsgremien mit, um aus technischen Herausforderungen zukünftige Standards zu gewinnen.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: „Zukunft mit Technologien für Menschen gestalten und Werte schaffen“ sind zwei Teile der Harting Vision. Welche Rolle spielen Ihre Mitarbeitenden in einer digitalisierten Zukunft?

Philip Harting: Unsere Mitarbeitenden sind der entscheidende Faktor, damit die Gestaltung der digitalen Zukunft gelingt. Also der Schlüssel zum Erfolg. Der Mensch ist der Dirigent von Industrie 4.0. Wissen und Weiterbildung gewinnen an Bedeutung, digital denken und mit digitalen Mitteln arbeiten zu lernen ist für alle Mitarbeitenden Aufgabe und Verpflichtung. Gemeinsam mit dem Betriebsrat, Instituten und Verbänden machen wir unsere Mitarbeitenden fit für die digitalisierte Zukunft. Dafür setzen wir alle Formen und Möglichkeiten der Motivation, Information und Qualifizierung ein.

Harting engagiert sich aktiv bei den Normungsarbeiten für einen M12 Pushpull Marktstandard. Warum?

Philip Harting: Mit der Pushpull-Lösung ist Harting schon länger am Markt etabliert und sie ist vor allem im Bereich Transportation gesetzter Standard. Andere Wettbewerber aus der Verbindungstechnologie haben dagegen eigene Pushpull-Konzepte zur Marktreife gebracht, die vorrangig den Sektor Automatisierung im Fokus haben. Diese unterschiedlichen Einsatzfelder machen eine Norm erforderlich, die beide Lösungen zu einer gemeinsamen Pushpull-Thematik zusammenfasst, die den jeweiligen spezifischen Anforderungen gerecht wird und Investitionssicherheit beim Kunden schafft. Auf dem Weg zu einem versenkbaren Pushpull Steckverbinder treibt Harting dieses Thema im Rahmen seiner Normungsarbeit deshalb aktiv voran.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Welche Rollen spielen künftig die Normen und Richtlinien anderer Länder?

Philip Harting: Normen und Richtlinien sind wichtig für die Entwicklung und Etablierung einheitlicher Standards. Als global agierendes Unternehmen haben für uns die jeweiligen länderspezifischen Normen eine große Bedeutung. Durch die weltweiten Landesgesellschaften und Produktionsstätten ist Harting immer nah am Kunden, kann früh auf die Entwicklung und Implementierung von Normen und Standards reagieren sowie für die eigenen Produkte berücksichtigen.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Wo sehen Sie Harting mittel- bzw. langfristig positioniert?

Philip Harting: Wir wollen ein Weltunternehmen werden. Das haben wir 1996 in der Vision unseres Unternehmens formuliert. D.h., wir wollen in allen für uns relevanten Märkten und Regionen technologisch eine führende Rolle einnehmen, innovativer Treiber und Partner der technologischen Entwicklung sein, neue Trends erkennen und mitbestimmen.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Mit der Digitalisierung verändert sich die Welt. Herr Harting, was meinen Sie, was bleibt gleich und was wird sich verändern?

Philip Harting: Wir sind ein Technologieunternehmen, das mit neuen Produkten und Lösungen einen Beitrag zum technologischen Fortschritt leisten will. Dabei achten wir auf Nachhaltigkeit und den ressourcenschonenden Einsatz von Material und Energie. Qualität ist unser oberster, kompromissloser Maßstab. Das ist – und bleibt – unser unternehmerisches Selbstverständnis. Die sich stetig wandelnden Herausforderungen in Wirtschaft und Gesellschaft verlangen hohe Flexibilität, Offenheit, neues Denken und Beweglichkeit. Darauf ist unser unternehmerisches Denken und Handeln ausgerichtet.

Und zum Schluss: Wie sehen Ihre persönlichen Ziele aus?

Philip Harting: Gemeinsam mit meiner Schwester und meinen Eltern möchte ich als Vorstandsvorsitzender unser Familienunternehmen weiter voranbringen – zu einem weltweit führenden innovativen Technologiekonzern. Dabei hat die Sicherung unserer wirtschaftlichen Unabhängigkeit oberste Priorität. Wirtschaftliches Handeln ist für mich kein Selbstzweck, sondern soll den Menschen dienen. Solidität der Geschäftspolitik und ökologische Verantwortung sind für mich verpflichtend.

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