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Kältemittel Natürlich kühl

| Redakteur: Robert Weber

Seit Januar ist die überarbeitete F-Gase-Verordnung der Europäischen Union verbindlich. Teilfluorierte Kohlenwasserstoffe sollen zurückgefahren werden. Unternehmer prüfen Alternativen und hoffen noch auf ihre alten Kompressoren, denn die Kühllösungen Geothermie oder Kohlendioxid klingen verlockend, aber auch teuer. Das Gas Ammoniak könnte der Profiteur der Gesetzgebung sein. Damit schließt sich der Kreis zu Carl von Linde.

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(Bild: DBB)

Das war kein richtiger Winter 1884. Im Januar maßen die Meteorologen in der Gemeinde Hohenpeißenberg im bayerischen Voralpenland eine Temperatur von 5 °C über Null. Im Februar wurde es auch nicht kälter. Mehr als 7 °C zeigte das Thermometer an. Ein grauer Himmel, Regen und nasskaltes Wetter waren ständige Begleiter der kaiserlichen Untertanen. Vor allem die Brauer machten sich große Sorgen. Die milden Temperaturen ließen die Seen nicht vollständig zufrieren und schnell mangelt es bei den Brauereien an Natureis, das bei der temperaturregulierten Gärung mit untergärigen Hefen benötigt wurde.

Ein Erfinder aus München profitierte von den Wetterkapriolen und Ängsten der Bierunternehmer. In der Linde Eismaschinen AG florierten die Geschäfte. Denn der Gründer Carl von Linde hatte die Lösung: Die erste Kühlmaschine. Seine Erfindung, die beim Bierbrauen die Gärung bei konstanter Temperatur zuließ, interessierte die Brauer. Die Mainzer Actien-Bierbrauerei, Spaten, Heineken und Carlsberg reisten zu Linde und waren fasziniert. Eine Kühlmaschine mit Ammoniak löste das Natureis schließlich ab. Mehr als 130 Jahre später müssen sich, wenn es um Kältemittel geht, die Brauer, aber auch Lebensmittelproduzenten und Supermarktketten technologisch wieder neu positionieren. Für die traditionsreichen Brauereien ist es ein Déjà-vu. Wieder ist es das Wetter, das Klima, mit seinen warmen Wintern, die dieses Mal nicht nur den Unternehmern, sondern den Bürgerinnen und Bürgern und den Regierenden Sorgen bereiten. Zu viele Treibhausgase in der Atmosphäre bringen den Planeten zum Schwitzen.

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Carl von Linde revolutionierte die Kältetechnik. Die Brauer waren begeistert.
Carl von Linde revolutionierte die Kältetechnik. Die Brauer waren begeistert.
(Bild: DBB)

Die Europäische Union handelte. Eine F-Gase Verordnung wurde 2007 verabschiedet. Das Ziel war die Reduzierung des Verbrauchs von fluorierten Treibhausgasen, die als Kältemittel dienen. Die Politik setzte auf unterschiedliche Maßnahmen. Die Anlagendichtheit sollte verbessert, neue Anforderungen an Ausbildung und Zertifizierung gestellt und die Rückgewinnung von F-Gasen forciert werden. „Allerdings wurden die Ziele nicht erreicht“, erklärt Stefan vom Schemm von der südwestfälischen IHK zu Hagen. In Brüssel besserten die Beamten nach. 2014 veröffentlichte die Europäische Union eine Neufassung der Verordnung, die seit Januar 2015 rechtsverbindlich ist. Der Gesetzgeber fordert eine schrittweise Mengenreduzierung („Phase down“) an teilfluorierten Kohlenwasserstoffen (HFKW), Quoten für Hersteller, Verwendungs- und Inverkehrbringungsverbote, Dichtheitsprüfungen, Zertifizierungen, Entsorgung und Kennzeichnung der F-Gase.

Benjamin Kloos ist Braumeister der Kitzmann Bräu in Erlangen, betreibt aktuell 5 Kälteanlagen und die EU-Verordnung treibt ihn und seine Mitarbeiter um. „Wir beschäftigen uns seit Februar 2013 mit dem Thema, allerdings ist das Problem des nötigen Austauschs von R 22 seit Januar 2015 akut, da wir die Anlagen im Falle auch nur des kleinsten Defekts stilllegen müssten“, erklärt der technische Leiter. Kloos und sein Chef wollen handeln. „Ein Baustein der Erneuerung wäre die Stilllegung alter Kompressoren, die aktuell noch mit R 22 betrieben werden. Ich hoffe, dass die Umbauarbeiten im Spätsommer 2015 beginnen können, somit wäre dann nur noch das natürliche Kältemittel R 717 (NH3) in Verwendung. Sollte es zu Verzögerungen der Baumaßnahme oder einem vorzeitigen Ausfall einer der mit R 22 betriebenen Anlagenteile kommen, müssten wir diesen Anlagenteil dann kurzfristig auf R 422d umrüsten, bevor die Stilllegung erfolgt.“ Ein Schreckensszenario für die mittelständische Brauerei, denn die Preise für R 422d ziehen extrem an. Das britische Fachmagazin Cooling Post berichtet von Preisanstiegen von bis zu 20 %.

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