Verbindungstechnik

Die Geschichte der Federklemmtechnik: Von Skepsis bis zum weltweiten Erfolg

| Autor: Sariana Kunze

Das Patent 838778 war der Grundstein der Erfolgsgeschichte von Wago. Hinter dem Aktenzeichen im Patentamt verbarg sich eine ein- oder mehrpolige in einem Isolierstoffformstück berührungssicher eingebettete Klemme für schraublosen Anschluss von elektrischen Leitern.
Das Patent 838778 war der Grundstein der Erfolgsgeschichte von Wago. Hinter dem Aktenzeichen im Patentamt verbarg sich eine ein- oder mehrpolige in einem Isolierstoffformstück berührungssicher eingebettete Klemme für schraublosen Anschluss von elektrischen Leitern. (Bild: Wago)

Das Patent 838778 revolutionierte die Anschlusstechnik in der Industrie: Der Federklemmtechnik von Wago gelang der Durchbruch mit Käfigzugfedern, die ohne zusätzliche Federelemente auskommen. Klemmen statt Schrauben wurde möglich. Im Interview mit elektrotechnik AUTOMATISIERUNG erzählt Unternehmer Sven Hohorst von Erinnerungen und Visionen.

Alles begann mit Kupfer und Stahl – dazu da, um Leiter zu verbinden. Die Brüder Friedrich Hohorst und Heinrich Nagel erwarben 1951 die Rechte an dem Patent 838778 und legten damit den Grundstein des Erfolgs von Wago. Die Gründer der damaligen Wago Klemmenwerk GmbH machten sich die Idee zweier Berliner Erfinder zu einer Klemme für den schraubenlosen Anschluss von elektrischen Leitern zu Nutze, um eine sichere, schnelle und einfache Verbindungstechnik zu entwickeln. Das Ergebnis: Die Federklemmtechnik.

Trotz der einfachen Handhabung wurde die neue Technologie 1951 auf der Hannover Messe mit Skepsis beäugt, die Pioniere hatten mit Vorurteilen und Materialproblemen zu kämpfen. Doch die Unternehmer gaben nicht auf und tüftelten weiter an der Federklemmtechnik sowie an weiteren Produkten wie der ersten Reihenklemmenfamilie. 1973 wendet sich dann das Blatt: Der VDE erließ die erste Vorschrift für Verbindungsklemmen mit Federanschluss und vergab das erste VDE-Prüfzeichen an die Wago-Dosenklemmen. Mit der Verbindungsdosenklemme 273 gelang dem Mindener Unternehmen im Jahr 1974 ein weiterer Meilenstein, diese Klemme wird auch heute noch am Markt als „die Wago-Klemme“ bezeichnet. Nur drei Jahre später schafft der Unternehmersohn Wolfgang Hohorst den Durchbruch mit der Entwicklung der Käfigzugfedern, die ohne zusätzliche Federelemente auskommen. Möglich machte dies das neue Material der Chrom-Nickel-Federstähle, das jetzt als federndes Element eingesetzt werden konnte. Die erste Reihenklemme für den Schaltschrank mit Cage Clamp folgte und veränderte damit die Anschlusstechnik weltweit.

Wago stellt Reihenklemmen mit Drücker und Hebel vor

Anschlusstechnik

Wago stellt Reihenklemmen mit Drücker und Hebel vor

23.04.18 - Wago enthüllt auf der Hannover Messe seine große Ankündigung: Das Unternehmen hat seine Reihenklemmen-Familie Topjob S mit Betätigungsöffnung weiterentwickelt und bietet diese jetzt mit Drücker und Hebel an. lesen

Handhabung vereinfacht: Klemmen statt Schrauben

Einen Leiter mit Federkraft zu klemmen, um die Nachteile der Schraubverbindung zu umgehen, hat sich zum internationalen Marktstandard entwickelt. Als dann 1995 der Patentschutz auslief, gewann die Federklemmtechnik zusätzlich an Fahrt. Sie wurde kopiert, adaptiert und perfektioniert – auch von Wago selbst. So entwickelte der Weltmarktführer in der Federklemmtechnik nicht nur die größte Federklemme für Leiterquerschnitte bis zu 185 mm2, sondern auch mit der SMD-Leiterplattenklemme einen Kontakt ohne Gehäuse mit einer Bauhöhe von 2,7 mm. Mit der Push-in Cage-Clamp-Anschlusstechnik verbesserte Wago 2003 die bestehende Federklemmtechnik in der Betätigung. Damit wurde das direkte und werkzeuglose Stecken von eindrähtigen und feindrähtigen Leitern mit Aderendhülsen möglich. Die Push-in Cage Clamp ist heute das Herz zahlreicher Produkte der Ostwestfalen – beispielsweise der Reihenklemme Topjob S. Heute ist das Original des weltweit verbreiteten universellen Anschlusssystems für Leitungsquerschnitte von 0,14 bis 25 mm2 bekannt.

Seit den Anfängen ist viel passiert: Für Sven Hohorst, Geschäftsführer Wago, stehen Innovationen aus dem Bereich Anschlusstechnik schon immer in engem Zusammenhang mit einer einfachen Handhabung. „Wir wollen zeigen, wie man in Zeiten, in denen der Innovationsspielraum geringer wird, bewährte Produkte neu interpretieren kann“, sagt Sven Hohorst, Geschäftsführender Gesellschafter von Wago. Nun hat das Unternehmen auf der Hannover Messe 2018 seine Reihenklemmen Topjob S mit zwei neuen Betätigungsvarianten vorgestellt. Zusätzlich zur Betätigungsöffnung wurde die Familie um Drücker und Hebel ergänzt. Damit möchte Wago für jede Handhabung die passende Lösung anbieten.

Sven Hohorst erzählt: „Was uns stark gemacht hat“

„Wago hat immer die Menschen in den Mittelpunkt gestellt“, erzählt Sven Hohorst, Geschäftsführender Gesellschafter bei Wago, im Interview mit elektrotechnik AUTOMATISIERUNG.
„Wago hat immer die Menschen in den Mittelpunkt gestellt“, erzählt Sven Hohorst, Geschäftsführender Gesellschafter bei Wago, im Interview mit elektrotechnik AUTOMATISIERUNG. (Bild: Wago)

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Herr Hohorst, Sie sind Unternehmer in der 3. Generation und mit Wago groß geworden. Das Unternehmen ist seit seiner Gründung stark gewachsen. Was ist es für ein Gefühl, Teil dieser Entwicklung zu sein?

Sven Hohorst: Ich habe das große Glück gehabt, in dieses Unternehmen 1993 einsteigen zu können. Wago floriert und gedeiht. Es hat mir immer sehr viel Freude bereitet, daran mitzuwirken, mit den Mitarbeitern zusammenzuarbeiten und gemeinsam etwas erreichen zu können – und das tut es selbstverständlich heute noch.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Welche Erinnerungen sind Ihnen noch aus Zeiten präsent, wo Sie noch kein aktiver Teil des Ganzen waren?

Sven Hohorst: Da gibt es natürlich eine ganze Menge. Ich glaube nicht, dass wir so viel Zeit haben (lacht). Wago hat ganz klein begonnen. In den ersten Jahren haben wir noch in einem Teil der Fabrik gewohnt. Fertigung, Lager und Werkzeugbau waren damals nur durch eine Wand von unserem Wohnraum getrennt. Das ist eine sehr starke Erinnerung für mich. Denn wenn ich heute dort stehe, dann denke ich immer daran, dass ein Teil dieser Fertigung einmal mein Kinderzimmer war.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Was hat Wago Ihrer Meinung nach so erfolgreich gemacht?

Sven Hohorst: Wago hat immer die Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Ich denke, es ist ein ganz wesentlicher Baustein für den Erfolg. Schon mein Großvater und mein Großonkel haben es so gemacht und das hat auch mein Vater weiter kultiviert. Ich glaube, es hat uns stark gemacht, dass sich die Mitarbeiter wohlfühlen und wir gemeinsam für unsere Ziele arbeiten.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Darf man als Chef des Familienunternehmens ein Lieblingsprodukt haben?

Sven Hohorst: Selbstverständlich (schmunzelt). Ich habe aber kein wirkliches Lieblingsprodukt. Es gibt in jeder Produktlinie von Wago schöne Produkte – sowohl bei den Reihenklemmen, Leiterplattenklemmen oder bei den Steckverbindern.

Sariana Kunze, Redakteurin der Medienmarke elektrotechnik AUTOMATISIERUNG, traf Sven Hohorst, Geschäftsführender Gesellschafter bei Wago, zum Interview.
Sariana Kunze, Redakteurin der Medienmarke elektrotechnik AUTOMATISIERUNG, traf Sven Hohorst, Geschäftsführender Gesellschafter bei Wago, zum Interview. (Bild: Wago)

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Apropos Reihenklemmen: Was sind die ersten Erinnerungen, die Sie an die Reihenklemmen haben?

Sven Hohorst: Das war, als mein Vater einmal nach Hause kam und sagte, jetzt hätten wir es endlich geschafft, die erste Reihenklemme hätte die Ex-Zulassung erhalten. Das ist in meinem Hinterkopf haften geblieben, denn es war ein wesentlicher Meilenstein für die Entwicklung der Reihenklemmen. Zumal es zu Beginn eher ein missionarisches Verkaufen war. Es war sehr mühsam, die ganzen Vorschriften zu entwickeln sowie dem Widerstand der Wettbewerber standzuhalten. Trotzdem haben wir es geschafft, diese Technologie zu etablieren.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Die Federklemmtechnik hat Wago bekannt gemacht. 1995 ist das Patent dafür ausgelaufen. Was denken Sie darüber, dass so viele die Anschlusstechnik kopiert haben?

Sven Hohorst: Also, ich fange erst dann an, mir Sorgen zu machen, wenn uns keiner mehr kopiert. Denn wenn man kopiert wird, dann ist man selber auf dem richtigen Weg. Zudem hat uns die Tatsache, dass die Patente ausgelaufen sind und die Technologie in der Breite des Marktes verfügbar wurde, Rückenwind gegeben. Wir haben uns nach Auslauf der Patente sehr positiv entwickelt, da wir immer mehr Akzeptanz am Markt erfahren haben.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Sie legen großen Wert auf organisches Wachstum. Dennoch haben Sie 2015 M&M als Software-Partner für Cloud Computing und Big Data gekauft. Was denken Sie über weitere Zukäufe?

Sven Hohorst: Man soll ja niemals nie sagen, aber für mich müssen schon sehr handfeste Gründe dafür sprechen. Wir sind damals auch nicht auf M&M zugegangen, sondern das Unternehmen kam auf uns zu. Im Rahmen ihrer Zukunftssicherung hatten sie sich Wago als Partner ausgesucht. M&M und Wago passen sehr gut zusammen, deshalb sind wir uns auch schnell einig geworden. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass es für ein Unternehmen immer wieder Chancen gibt zu kooperieren.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Herr Hohorst, wo geht für Wago die Reise hin?

Sven Hohorst: Wir haben im Jahr 2017 einen Umsatz von 862 Mio. Euro erreicht, der uns hoffen lässt, dass wir in zwei bis drei Jahren 1 Mrd. erreichen. Das ist ein konkretes Umsatzziel. Ansonsten sind wir der Überzeugung, dass wir in allen Geschäftsbereichen durch eigene Innovationen weiterwachsen können. Wir wollen organisch wachsen und unabhängig bleiben. Zudem wollen wir Teil der Digitalisierung dieser Welt werden und diese auch mitgestalten. Ich persönlich möchte den Charakter des Unternehmens weitertragen. Es macht viel Spaß, die DNA von Wago nachhaltig über einen langen Zeitraum zu erhalten.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Was halten Sie von der Behauptung, dass der Schaltschrank in Zukunft ausgedient hat?

Sven Hohorst: Das habe ich schon häufig gehört. Besonders bei der Diskussion um IP67 war eine prognostizierte Entwicklung, dass es irgendwann schaltschranklose Maschinen geben wird. Bislang ist das noch nicht Realität. Ich glaube auch nicht, dass es einen kompletten Ersatz des Schaltschrankes durch andere Möglichkeiten geben wird, aber wir verfolgen nicht nur die Entwicklung - wir versuchen ihr auch einen Schritt voraus zu sein und eigene Lösungswege zu finden.

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Zum Interview sind Sie in einem Elektroauto gekommen. Welche Rolle spielt für Sie der Umweltschutz?

Sven Hohorst: Für uns ist Nachhaltigkeit und Umweltschutz wichtig. Wir tun unser Möglichstes, um Energie zu sparen, mit Ressourcen schonender umzugehen und zu recyceln. Das Elektroauto habe ich mir privat zugelegt, es ist toll, in der Stadt rein elektrisch unterwegs zu sein. Es ist ein bisschen spacig und auch tekki (lacht).

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45337372 / Klemmen in der Praxis)