Mega-Cities und Urban Technologies Die Verstädterung der Weltbevölkerung als technologische Herausforderung
Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends ist die Welt in ein „Urban Millennium“ eingetreten. Dieses Millennium verlangt in der gesamten Breite der städtischen Wirtschaft und Gesellschaft grundlegende Änderungen — von Technologien, aber auch von menschlichem Verhalten. Wer diesen Transformationsprozess gut bewältigt oder gar anführt, wird auch in Zukunft in den globalen Märkten erfolgreich sein.
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Erstmals in der Geschichte der Menschheit leben mehr Menschen in Städten und einer städtisch geprägten Umwelt als in den ländlichen Räumen. Dieser Prozess der Verstädterung geht rasant weiter. Besonders die Siedlungsstrukturen in Asien und Afrika haben weiterhin einen rasanten Bevölkerungszuwachs. UN Habitat, die für die menschlichen Siedlungen zuständige Organisation der Vereinten Nationen, hat im neuesten „State of the World City Report“ prognostiziert, dass die Bevölkerung in den Millionenstädten und den Megacities Asiens jährlich bis zu 6,9% Zuwachs haben wird. In China wird damit gerechnet, dass bis zum Jahr 2030 mindestens 60% der Bevölkerung in städtischen Agglomerationen leben wird. Dutzende neuer Millionenstädte wachsen heran — nicht nur in China, sondern verstärkt sogar in Indien, in anderen bevölkerungsreichen Ländern Asiens und in Afrika ebenso.
Der demographische Wandel muss systematisch gemanagt werden
Im scharfen Kontrast zu diesem oft kanzerogenen Wachstum städtischer Agglomerationen in den Schwellen- und Entwicklungsländern ist die Bevölkerungsentwicklung in den hoch entwickelten Ländern, aber auch in Südamerika, durch eine rückläufige Tendenz gekennzeichnet. Dieser demographische Wandel einer Bevölkerung, die zahlenmäßig abnimmt, gleichzeitig einen deutlich steigenden Altersdurchschnitt erfährt und wesentlich „bunter“ wird, hat seinerseits weit reichende Auswirkungen auf Städte und Stadtregionen in diesen Ländern, so vor allem in Europa und besonders in Deutschland. Es ist von gesellschaftspolitisch weit reichender Bedeutung, ein systematisches Management dieses demographischen Wandels mit hoher Priorität in Angriff zu nehmen.
Vieles wird dazu gegenwärtig bereits geforscht und diskutiert, kaum aber beherzt und konsequent in Angriff genommen. Dabei müssen diese Veränderungsprozesse in der Bevölkerung so gestaltet werden, dass die städtischen Regionen ihre Funktionen für die wirtschaftliche Stabilität, für den sozialen Ausgleich und den gesellschaftlichen Integrationsprozess ebenso erfüllen wie sie die ökologischen Auswirkungen von Produktion und Konsum leistungsfähig bewältigen müssen. Denn der wirtschaftliche Wettbewerb in den globalisierten Märkten und den Gesellschaften wird in der Zukunft noch stärker als bisher durch die relative Leistungsfähigkeit städtischer Standorte bestimmt – deutlich stärker als durch die Wettbewerbsfähigkeit der Staaten.
Erfolgreiche Klimapolitik sorgt in Städten für deutlich mehr Energieeffizienz
Die demographischen Veränderungen und ihre weit reichenden Konsequenzen für die Siedlungsstrukturen weltweit stellen auch Städte und Stadtregionen in den Mittelpunkt jeder Politik für eine nachhaltige Entwicklung. Es muss sichergestellt werden, dass — vornehmlich mit Blick auf die Energienutzung in urbanen Siedlungsstrukturen — eine Minderung der CO2-Emissionen bis Mitte dieses Jahrhunderts um mindestens 60% in den entwickelten Ländern erreicht wird. Gleichzeitig muss der Urbanisierungsprozess in den schnell wachsenden Schwellenländern so gestaltet werden, dass das Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft von den Emissionen an CO2 abgekoppelt wird. Jede Klimapolitik kann nur erfolgreich sein, wenn sie in den Städten die Voraussetzungen für eine CO2-arme Energieversorgung und für eine massive Erhöhung der Energieeffizienz in allen Lebensbereichen gewährleistet.
Was für Energie und Klima in städtischen Agglomerationen gilt, gilt auch für alle anderen Bereiche städtischen Lebens und Wirtschaftens. Dazu gehört insbesondere die Wasserversorgung, die wesentlich auf eine Verminderung des Pro-Kopfverbrauchs hin optimiert werden muss. Es gilt auch für die Bewältigung der Abwasserströme, bei denen neue Methoden vor allem auch in dezentralen Lösungen eine stärkere Wiederverwendung des Wassers bei geringerem Kapital- und Energieeinsatz ermöglichen. Es gilt für die Entwicklung und Durchsetzung einer Kreislaufwirtschaft im Stadt-regionalen Kontext. Dies ist angesichts drastisch gestiegener und weiter steigender Rohstoffpreise aus ökonomischer Sicht ebenso hoch rentierlich wie aus ökologischer Notwendigkeit unabdingbar.
Nicht zuletzt wird die ökonomische und ökologische, vor allem aber auch sozialverträgliche Bewältigung der Mobilitätserfordernisse in städtischen Agglomerationen für die Funktionsfähigkeit dieser Siedlungsstrukturen entscheidende Bedeutung erhalten. Dies macht grundsätzliche Veränderungen in der Stadt- und Raumplanung ebenso erforderlich wie neue Mobilitätstechnologien und ordnungsrechtliche Entscheidungen.
Kreative Produkte und Technologien haben beste Perspektiven
Mit diesen Zielsetzungen verbinden sich große Chancen für kreative Unternehmungen. Dies sollen hier nur einige Hinweise für den Bereich von Energie und Klima konkretisieren. Klimarobuste Produkte und Produktionstechnologien sowie erneuerte Management-Systeme müssen entwickelt und im Markt durchgesetzt werden. Insbesondere muss eine geradezu revolutionäre Erhöhung der Energieeffizienz in den Mittelpunkt zukunftsfähiger, kreativer Produkte und Produktionstechnologien gestellt werden. Es ist höchst erfreulich zu wissen, dass die deutsche Wirtschaft bei der Bewältigung dieser Zukunftsaufgaben bereits gegenwärtig gut aufgestellt ist.
Diese Position im globalen Markt muss nicht nur behauptet, sondern weiter ausgebaut werden. Dazu gehört auch die Entwicklung von markt- und konkurrenzfähigen Angeboten des Energie-Contractings. Vor allem aber müssen beschleunigt integrative Maßnahmenbündel zur energetischen Optimierung aller Produktions- und Konsumprozesse sowie eine revolutionäre Kohlenstoffminimierung ermöglicht werden. Entscheidend ist, dass sich das Angebot von Energiedienstleistungen beschleunigt durchsetzt und nicht die weitgehend getrennte Verantwortung für Energieangebot und Energienachfrage weiterhin kennzeichnend bleibt.
Als Pfadfinder auf neuen Wegen einen Vorsprung erkämpft
In diesem Jahr kann der ZVEI sein 90-jähriges Jubiläum feiern. Diese 90 Jahre waren in der zusammenfassenden Betrachtung sicherlich eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Stets haben sich die erfolgreichen Mitgliedsunternehmen dieses Verbands dadurch profiliert, dass sie neue Lösungen für die jeweils gegebenen Probleme entwickelt und damit einen wettbewerblichen Vorteil in ihren Märkten erarbeitet haben. Sie waren stets Pfadfinder für neue Wege, die sie erkundeten und begehbar machten und auf denen sie einen entsprechenden Vorsprung hatten.
Für die deutsche Volkswirtschaft sind diese Unternehmen daher eine entscheidende Säule wirtschaftlicher Stabilität gewesen und sind es noch heute – nicht zuletzt auch in Kenntnis der so facettenreichen, mittelständisch strukturierten Unternehmensvielfalt. Dieses über 90 Jahre hinweg entwickelte Selbstverständnis, diese Annahme von neuen Herausforderungen ist im Rahmen der Wachstumsdynamik einer globalisierten Weltwirtschaft und deren Konsequenzen für die Stabilität von Gesellschaft und Umwelt gegenwärtig in ganz besonderer Weise gefordert.
Moderne Gebäude werden zu Energie-Produzenten
Für die neuen Märkte der Energie-Dienstleistungen im „Urban Millennium“ werden die Unternehmen in der Breite des ZVEI eine ganz besondere Entwicklungschance finden – und sie werden sie zu nutzen wissen. Allein die Tatsache, dass mindestens 40% der klimarelevanten Emissionen gegenwärtig mit der Nutzung des Gebäudebestands verbunden sind, belegt diese großen Marktchancen. Die Zielsetzung von „Zero Emission Buildings“ ist für neue Gebäude bereits als Stand der Technik anzusehen. Mehr noch: Neue Gebäude werden in Zukunft verstärkt „Energie-Produzenten“ sein.
Durch die Gestaltung von Fassaden und Dächern, durch die Verbindung von Fenstern und Fassaden-Elementen mit den modernen Entwicklungen der Solartechnologie werden Häuser mehr Energie erzeugen als zu ihrer Nutzung selbst benötigt wird. Andere Technologien werden die Möglichkeiten der Wärmepumpen und der Nutzung der oberflächennahen Geothermie so optimieren und weiter entwickeln, dass ein Energieüberschuss neuer Gebäude keineswegs mehr als unrealistische Utopie abgetan werden kann.

Die entscheidende Herausforderung aber liegt ohne Zweifel in der energetischen und klimarelevanten Nachrüstung der bestehenden Gebäudesubstanz. Diese Zielsetzung wird vom Markt schon allein dadurch verstärkt abverlangt, weil die steigenden Energiepreise einen immer kürzeren Return on Investment für solche Investitionen sicherstellen. Auch bei den energetischen Optimierungsmaßnahmen in der gegebenen Bausubstanz kann ein weiter entwickeltes Energie-Contracting dynamische Märkte eröffnen. Es ist erfreulich festzustellen, dass die für derartige unternehmerische Initiativen kontraproduktiven Wirkungen des deutschen Mietrechts erkannt worden sind und entsprechende Lösungsmöglichkeiten in Angriff genommen werden sollen.
Energetische Optimierungen treiben die Märkte voran
Unter Vorsitz von Bundeskanzlerin Angela Merkel hat der Frühjahrsrat 2007 der Europäischen Union eine „Agenda 3 x 20 bis 2020“ für die künftige Energie- und Klimapolitik beschlossen. Bis zum Jahr 2020 soll die Energieeffizienz um 20% gesteigert werden, sollen die regenerativen Energien einen Anteil von 20% im gesamten Energieangebot erreichen und soll die CO2-Emission um 20% zurückgehen. Für die Bundesrepublik Deutschland wird dies im Blick auf eine gemeinsame Zielerfüllung innerhalb der Europäischen Gemeinschaft bedeuten, dass die CO2-Emissionen um bis zu 40% zurückgeführt werden müssen. Diese herausfordernde Aufgabe kann ohne eine umfassend erfolgreiche energetische Sanierung der Gebäudesubstanz und ohne die Nutzung moderner Technologien im Neubau sicherlich nicht realisiert werden.

Diese Maßnahmen reichen aber bei Weitem nicht aus. In allen Anwendungsgebieten von Energie — sowohl im privaten Haushalt als auch in der Wirtschaft — müssen die bereits in marktfähigen Angeboten vielfältig vorhandenen, wesentlich effizienteren Energietechnologien und -produkte genutzt werden. Und dieses Ziel muss durch ordnungspolitische Flankierung beschleunigt erreicht werden. Beeindruckende Beispiele für fast undenkbar geglaubte Effizienzsteigerungen finden sich etwa in allen Bereichen der Beleuchtungssysteme – von den Straßenbeleuchtungen über industrielle Beleuchtungssysteme bis hin zur Beleuchtung in privaten Haushalten.
Umfassende energetische Optimierungen sind auch zu einem der entscheidenden Ziele des IT-Markts geworden. „Green IT“ ist zwischenzeitlich weit über eine zunächst nur modische Arabeske hinaus zu einem entscheidenden Anforderungsprofil an Produkte und Dienstleistungen dieser Branche geworden. Darauf wird die Forschung, Entwicklung und Anwendung in dieser dynamischen Branche zunehmend ausgerichtet. Die jüngste CEBIT in Hannover hat dies sehr deutlich belegt.

Weitere wichtige Aufgabenfelder finden sich in intelligenten Verkehrssteuerungs-Systemen bis hin zu Parkplatz-Buchsystemen in Städten. Es ist geradezu schockierend zu wissen, dass auch in deutschen Großstädten innerstädtische Verkehre noch zu einem erheblichen Prozentsatz Parkplatzsuchverkehre sind – dies in einer Zeit der Informations- und Kommunikationstechnologien! Gleiches gilt für Verkehrsinformations- und –steuerungssysteme zur Vermeidung von sowie zur optimalen Anpassung an Verkehrstaus auf Autobahnen. Die mit vermeidbarem Stau- oder Stop-and-go-Verkehr verbundene, nutzlose Verbrennung von Kraftstoffen kann und muss drastisch verhindert werden.
Best Pracitices für die Standtentwicklung
Die große Herausforderung zur Vermeidung eines nicht mehr in den Konsequenzen zu kontrollierenden Klimawandels wird somit keineswegs als eine Bedrohung wirtschaftlicher Stabilität angesehen werden können. Auch ohne jegliche Verbindung zwischen der Verbrennung fossiler Energien und damit verbundener CO2-Emissionen zum Klimawandel muss die steigende Weltbevölkerung auf eine Umsteuerung der Energienutzung und der Energiequellen zulaufen. Räumliche Strukturen der Planung menschlicher Siedlungen — insbesondere in den Megacities — müssen auf eine Vermeidung von erzwungener Mobilität in ganz anderer Weise ausgerichtet werden als bisher.
Es ist nicht verwunderlich, dass die Städte und ihre Entwicklung in den Mittelpunkt politischer Perspektiven, gesellschaftlicher Diskussionen und technischer Möglichkeiten gerückt sind. Die nächste Weltausstellung 2010 in Shanghai hat das herausfordernde Motto „better city – better life“. Erstmals in der Geschichte der Weltausstellungen rücken damit nicht Präsentationen von Nationen, sondern „Best Practices“ städtischer Planungen und Realisierung in den Mittelpunkt. Die Suche nach Konzepten für „Ecocities“ ist in keiner Weise mehr eine Träumerei ökologischer Fundis, sondern — ganz im Gegenteil — eine zwingende Notwendigkeit für eine Zukunft, in der immer mehr Menschen in Städten menschenwürdig leben wollen, ihren Arbeitsplatz finden und die Umwelt nicht übernutzen dürfen.
Auch das menschliche Verhalten muss sich ändern
Die schöpferischen Unternehmer Schumpeterscher Qualität sind gefordert. Neue Lösungen für bekannte und sich weiter entwickelnde Probleme sind gefragt, nicht Resignation oder defensive Verteidigung alt gewohnter Verhaltensweisen. In der jüngsten Vergangenheit hat sich gezeigt, dass diese Herausforderungen von immer mehr Menschen angenommen werden, die auch in ihren Konsumentscheidungen dieses Bewusstsein zum Ausdruck bringen wollen. Die Zahl der„LOHAS“ – also der Menschen, die in ihrem Konsum einen „Lifestyle of Health and Sustainability“ bewusst anstreben — wächst in den hoch entwickelten Ländern überraschend schnell an. Gleichzeitig erkennen mehr und mehr Unternehmer und Unternehmen, dass mit einer politisch vorgegebenen und abgeforderten Verringerung der Kohlenstoffintensität der Energieversorgung große Marktchancen gegeben sind, ebenso wie bei der Erhöhung der Energieeffizienz. Das „Urban Millennium“ verlangt in der gesamten Breite der städtischen Wirtschaft und Gesellschaft grundlegende Änderungen von Technologien, aber auch von menschlichem Verhalten.
Im Oktober 2007 hatte Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung 15 Nobelpreisträger und zahlreiche international führende Wissenschaftler zu einem Symposium „Global Sustainability: A Nobel Course“ nach Potsdam eingeladen. Im „Potsdam-Memorandum“, das als Abschlussdokument erarbeitet wurde, fordern diese Nobelpreisträger und Wissenschaftler zur Bewältigung der notwendigen wirtschaftlichen Entwicklung bei gleichzeitiger Stabilisierung von Klima und Ökosystemen „a thorough re-invention of our industrial metabolism“, sie fordern eine „Great Transformation“. Im Zusammenwirken von Zivilgesellschaft, politischer Führung auf allen Ebenen, unternehmerischer Leistung und wissenschaftlich-technischer Forschung kann tatsächlich ein neuer „Industrial Metabolism“ erfolgreich in Angriff genommen werden. Die Volkswirtschaft und die Unternehmen, die diesen Transformationsprozess anführen, werden für ihre Zukunft in den globalen Märkten wirtschaftliche Erfolge sichern können.
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