Interview mit Wöhner Was gelebte Industrie 4.0 für ein Familienunternehmen bedeutet

Wöhner ist Spezialist für die Verteilung und Steuerung elektrischer Energie und strebt stets danach, Vorreiter und der Beste am Markt zu sein. CEO Philipp Steinberger erklärt, was das für die Produktentwicklung, die Produktion und die Kundenbeziehungen bedeutet.

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Philipp Steinberger, CEO, Wöhner: „Unser wichtigstes Ziel im Jahr 2022 ist es, unsere Lieferfähigkeiten zu verbessern.“
Philipp Steinberger, CEO, Wöhner: „Unser wichtigstes Ziel im Jahr 2022 ist es, unsere Lieferfähigkeiten zu verbessern.“
(Bild: Wöhner)

Was sind Ihre Konzepte bei Wöhner für die Digitalisierung?

Digitalisierung ist ein weitreichender Begriff, der viele Arbeitsbereiche betrifft. Bei Wöhner konzentrieren wir uns beim Thema Digitalisierung auf drei wesentliche Aspekte mit dem Ziel einer gelebten Industrie 4.0: unsere Produkte, die Wertschöpfungskette und die Kundenbeziehung.

Bei unseren Produkten arbeiten wir an intuitiven Bedienkonzepten sowie an automatisierten Warn- und Störmeldungen, die Lösungswege vorschlagen und in der Lage sind, Predictive Maintenance-Funktionen zu bieten. Das heißt, dass ein Produkt in der Lage sein muss, Messdaten zu erfassen, zu analysieren und auf Basis von verschiedenen Algorithmen auszuwerten. Denn bei Wöhner wollen wir mit unseren elektronischen Komponenten einen Schritt weiter gehen und den Kunden nicht nur Daten zur Verfügung stellen, sondern einen echten Mehrwert in Form von Analysen und Handlungsempfehlungen bieten.

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Auf die Wertschöpfungsketten bezogen ist bei uns das Thema Digitalisierung allgegenwärtig. Sei es in der Planung, der Beschaffung, aber auch und vor allem in der Produktion oder in der Logistik. Das fängt beim teilautomatisierten Materialplanungssystem an und geht über autonome Flurförderfahrzeuge oder vollautomatisierte Produktionsanlagen bis hin zu einem automatischen Hochregallager.

Auch in der Kundenbetreuung ist die Digitalisierung stets präsent: Wir arbeiten mit einem CRM-System, haben vor Kurzem einen Webshop eingeführt und bieten jetzt sukzessive den Wechsel zu EDI-Schnittstellen für unsere Kunden an.

Prinzipiell achten wir bei unseren Produkten immer auf einen ganzheitlichen Ansatz.

Stichwort Usability: wie gestaltet Wöhner seine Produkte?

Prinzipiell achten wir bei unseren Produkten immer auf einen ganzheitlichen Ansatz. Das Produkt muss zuallererst eine technische Norm erfüllen. Es muss aber genauso alle Anforderungen erfüllen im Hinblick auf die Betriebskosten, Bedienbarkeit und das Design, das bei uns eine sehr große Rolle spielt. Nur wenn alle diese Punkte erfüllt sind, ist das Produkt wirklich eine geeignete Lösung für den Kunden.

Beim elektrischen Motorstarter Motus C14 zum Beispiel werden Warnungen und Störungen optisch dargestellt durch Symbolik, Text und ein leuchtendes Display. Dabei erhält der Nutzer immer eine Information und einen Lösungsvorschlag. Wenn beispielsweise ein Problem in der Motorzuleitung vorliegt, dann leuchtet die Unterseite des Gehäuses. Wenn wiederum die Steuerseite, also die Buskommunikation, betroffen ist, dann leuchtet die Oberseite des Produktes. Im Schaltschrank kann der Nutzer also sehr schnell erkennen, auf welcher Seite die Störung vorliegt und erhält über das Display die konkrete Fehlermeldung sowie einen Handlungsvorschlag.

Hinzu kommt der sicherungslose, wiedereinschaltbare elektronische Motorschutz. Der Motus C14 reagiert schneller als jede Sicherung, und dies bei einem niedrigen I²t-Wert. Zum Vergleich: Die Reaktionszeit einer herkömmlichen Schmelzsicherung liegt bei etwa 2.000 µs. Bei einem Leistungsschalter beträgt die Abschaltzeit im Störungsfall sogar 5.000 µs. Beim Motus C14 liegt sie bei lediglich 10 µs. Dadurch kann ein Höchstmaß an Sicherheit für Maschinen und Anlagen gewährleistet werden.

Nachhaltigkeit sehen wir als eine Notwendigkeit an, um zukunftsfähig zu sein.

Was unternehmen Sie in Sachen Nachhaltigkeit?

Bei Wöhner spielt das Thema Nachhaltigkeit eine ganz zentrale Rolle. Es bedeutet für uns nicht lediglich die Erfüllung von Vorgaben. Vielmehr sehen wir Nachhaltigkeit als eine Notwendigkeit an, um zukunftsfähig zu sein. Konkret fokussieren wir uns besonders auf zwei Bereiche: die Produktion sowie unsere Produkte, die wir den Kunden anbieten.

Wir gestalten unsere Produktion möglichst energieeffizient. So haben wir nicht nur komplett auf ökologische Anbieter für Strom und Gas umgestellt, sondern uns auch zum Ziel gesetzt, im Jahr 2029 zu unserem 100-jährigen Bestehen klimapositiv zu sein.

Unsere Produkte werden zudem ressourcenschonend und mit möglichst wenig Materialeinsatz hergestellt. Gleichzeitig gestalten wir unsere Produkte energieeffizient und langlebig, um etwaige Verlustleistung so gering wie möglich zu halten und einen langfristigen Einsatz zu gewährleisten. Dies trägt im Übrigen dazu bei, dass die Kosten über den Produktlebenszyklus hinweg gering sind – ein Faktor, der nicht unterschätzt werden sollte.

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Bei der Entwicklung des Crossboards beispielsweise haben wir all diese Faktoren berücksichtigt. So erreicht es in der neuen Version jetzt eine Leistungsdichte bis 160 A und ist damit im Hinblick auf die Stromtragfähigkeit noch leistungsfähiger. Zudem ist es sehr robust und kompakt und verfügt über einen Steckkontakt für eine schnelle und sichere Montage im Schaltschrank.

Produktseitig bringen wir die Innovationen, die wir Ende letzten Jahres vorgestellt haben, nun in den Markt.

Was steht in diesem Jahr auf der Agenda?

Unser wichtigstes Ziel im Jahr 2022 ist es, unsere Lieferfähigkeiten zu verbessern. Die Materialknappheit und weltweiten Lieferengpässe betreffen uns alle. Die Nachfrage unserer Kunden hat unsere Prognosen für das Jahr bereits übertroffen. Deshalb liegt unser Hauptfokus darauf, ein Kunden-Lieferanten-Verhältnis zu schaffen, in dem sich jeder gut aufgehoben fühlt. Wir versuchen in einer Art Allokation möglichst viele Kunden mit Ware zu versorgen und Engpässe in der Breite auszubalancieren.

Produktseitig bringen wir die Innovationen, die wir Ende letzten Jahres vorgestellt haben, nun in den Markt. Das sind zum Beispiel der Omus C14, ein elektronisches Schaltgerät für ohmsche Lasten mit der C14-Technologie, oder auch der Cross MT, ein elektronischer Messtechnik-Adapter, der in Kombination mit den verschiedensten Applikationen überall dort intelligente Funktionen und Konnektivität hinzufügt, wo Komponenten im Schaltschrank diese nicht von Haus aus mitbringen. Und dann haben wir auch noch das Crossboard in neuen zusätzlichen Breiten. Das Energieverteilsystem ist zusätzlich zu den bisherigen Breiten 225 mm und 405 mm jetzt auch passend zu den gängigen Schaltschrankbreiten in sieben weiteren Breiten von 500 mm bis 1100 mm – wählbar in 100-mm-Schritten – erhältlich und verfügt über eine rückseitige Einspeisung sowie eine Befestigung für das Verdrahtungssystem der Firma Lütze.

Darüber hinaus arbeiten wir kontinuierlich an unseren Bestandssystemen sowie neuen Innovationen. Zudem werden wir das Thema Messtechnik vorantreiben.

Wöhner hatte als Messeersatz in den letzten beiden Jahren digitale Formate entwickelt. Was ist Ihr Resümee?

Mit den Absagen der Messen im letzten und vorletzten Jahr bestand die Notwendigkeit, neue Wege zu gehen, um den persönlichen Austausch mit unseren Kunden und Partnern aufrecht zu erhalten und zu fördern. Mit Level4 haben wir unsere eigene Plattform entwickelt, auf der wir auch unabhängig von Messen Live-Veranstaltungen, Webinare, Tutorials oder sogar Round Tables durchführen können. Darüber hinaus haben wir in digitale Präsenzen auf den Messen investiert, die noch stattgefunden haben.

All diese digitalen Formate haben sich als eine gute Alternative erwiesen. Gleichzeitig stellen wir aber fest, dass es wieder Zeit wird für Gespräche und Begegnungen vor Ort und auch Zeit, Produkte live zu erleben. Ich persönlich freue mich schon sehr auf die Aussicht, dieses Jahr wieder an Messen teilnehmen zu können. Wir haben bereits einige Veranstaltungen wie die Hannover Messe oder die Light + Building ins Auge gefasst. Angesichts der Coronapandemie bleibt es aber auch sehr wichtig, die Entwicklungen stets genau zu verfolgen und sich frühzeitig Gedanken zu machen, ob die Teilnahme an Großveranstaltungen sinnvoll ist.

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Philipp Steinberger

ist seit 2018 CEO von Wöhner im oberfränkischen Rödental. Der studierte Elektrotechniker startete im Automotive-Umfeld. 2012 übernahm er die Leitung der Produktentwicklung bei Wöhner und wurde 2014 Geschäftsführer Forschung und Entwicklung. Zu seinen Kerneigenschaften zählt er schöpferische Freiheit, Innovationswille und Mut.

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