Industrie 4.0

Comeback der Mitbestimmung?

| Redakteur: Robert Weber

Gewerkschaften sind fester Bestandteil der sozialen Marktwirtschaft, haben ihre Rechte und sind wichtiger Ansprechpartner für die Industrie.
Gewerkschaften sind fester Bestandteil der sozialen Marktwirtschaft, haben ihre Rechte und sind wichtiger Ansprechpartner für die Industrie. (Bild: IG Metall)

Die industrielle Revolution war die Geburtsstunde der Gewerkschaften. Heute nehmen Arbeitnehmervertreter als Tarifpartner Einfluss auch auf technische Entwicklungen. Denn ohne die Mitbestimmung wird die vierte industrielle Revolution scheitern.

Kongresse zum Thema Automatisierung veranstalten Fachverlage, Industrie-Verbände und Unternehmen. Aus der Diskussion um den technischen Fortschritt hat sich bis heute ein profitables Geschäftsmodell entwickelt. Im Jahre 1968 war das noch etwas anders. Damals organisierte sogar die mächtige Industriegewerkschaft IG Metall eigene Automatisierungs-Kongresse und Veranstaltungen, an denen auch Vertreter der Arbeitgeber teilnahmen.

Erneuerungsimpuls dank Industrie 4.0

Es entstand in der damaligen Zeit ein industriepolitisch historisches Dokument, dessen Titel sich auch heute noch so formulieren ließe. Dr. Hans Otto Messedat, späterer Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), betitelte seinen Bericht zur Gewerkschafts-Veranstaltung „Gemeinsam für den technischen Fortschritt“. Damals ahnten weder die Arbeitnehmervertreter noch die Arbeitgeber, welche Herausforderungen die heutige vierte industrielle Revolution (Industrie 4.0) für beide Seiten bereithält. Gehen die Tarifpartner diesen Weg künftig gemeinsam? „Aus CIM (Computer Integrated Manufacturing ) haben die Arbeitgeber gelernt, dass das Wissen der Belegschaft wichtig für das Unternehmen ist. Die Gewerkschaften haben erkannt, dass sie möglichst früh intervenieren sollten und sie durchaus Gestaltungsmöglichkeiten haben. Diese beiden Erkenntnisse treffen jetzt bei Industrie 4.0 aufeinander“, meint Prof. Dr. Klaus Dörre, Soziologe an der Universität Jena. Dörre forscht seit mehreren Jahren zur Entwicklung von Gewerkschaften. Der Professor aus Thüringen ist überzeugt, dass Industrie 4.0 bei den Arbeitnehmervertretern einen Erneuerungsimpuls auslöst. „Das Ansehen von Industrie und von Arbeitsplätzen in der Industrie ist in den letzten Jahren krisenbedingt gestiegen. Das gewachsene Ansehen in der Gesellschaft gab den Gewerkschaften einen Schub, sich auch bei Industrie 4.0 selbstbewusst zu positionieren“, erklärt der Wissenschaftler. Selbstbewusst ist Constanze Kurz, Fachfrau für Industrie 4.0 bei der IG Metall. Sie ist regelmäßiger Gast auf Diskussionspodien, wenn es um die vierte industrielle Revolution geht. Seit drei Jahren arbeitet sie zu Cyber Physical Systems oder Mensch-Maschine-Interaktionen. „Eingebettete Systeme sind nicht die Neuigkeit. Die Vernetzung von Technologielinien ist entscheidend. Arbeitskulturen vermischen. ITler und Maschinenbauer arbeiten enger zusammen. Die Geschäftsmodelle ändern sich. Dadurch können Marktmechanismen gestört und neue Machtstrukturen aufgebaut werden. Industrie 4.0 ist nicht nur ein industriepolitisches Gebiet, sondern eine gesellschaftliche, politische Fragestellung“, ist die Gewerkschafterin überzeugt. Deshalb findet sie es richtig, dass die IG Metall in die Beratungen eingebunden ist. „Allerdings war zu Beginn nicht jeder Arbeitgeber überzeugt davon, dass die Entwicklung so viele gewerkschaftsrelevante Themen berührt“, berichtet Kurz. Beispiel: Wenn ein neues Assistenzsystem eingeführt werden soll, das Einfluss auf die Entgelte der Mitarbeiter hat, dann ist dieses mitbestimmungspflichtig und damit ein Job für den Betriebsrat. Jürgen Bauer ist sei mehreren Jahren Betriebsratsmitglied in der Druckindustrie und Verfechter der betrieblichen Mitbestimmung. Für ihn ist klar: Industrie 4.0 braucht Mitbestimmung durch die Arbeitnehmer, „denn der Unternehmer vernetzt Maschinen, dadurch sammelt er Daten und das soziale Miteinander im Unternehmen leidet. Die Maschine als Arbeitskollege führt zu einer kalten Welt im Betrieb. An diesem Punkt ist die Mitbestimmung gefragt. Ich bin froh, dass wir eine Betriebsvereinbarung haben, die es untersagt, Maschinendaten in Zusammenhang mit Leistungen von Mitarbeitern zu stellen. Allerdings: Industrie 4.0 übersteigt die Betriebsdatenerfassung um ein Vielfaches.“ Seine Befürchtung: Die Arbeitsphilosophie verändert sich, und die Mitarbeiter werden zu wenig mitgenommen. Für Bauer sind es vor allem die Forschungsinstitute und Wissenschaftler, die blind Grenzen des Betriebsverfassungsgesetzes übertreten und sich dann wundern, wenn der Betriebsrat Mitbestimmung einfordert. „Wir müssen als Betriebsrat und Gewerkschaften bei den Forschern mehr Bewusstsein für die Mitbestimmung schaffen, dann können Technologien unsere Kolleginnen und Kollegen unterstützen“, fordert Betriebsrat Bauer. Bei der IG Metall formulieren es die Verantwortlichen zurückhaltender: „Es ist vor allem Unwissenheit bei den Entwicklern oder Prozessverantwortlichen. Gewerkschafter und Entwickler müssen sich besser verstehen, austauschen können.“ Nicht ohne Grund arbeitet die Industriegewerkschaft in dem Projekt „Appsist“ mit. Prominenter Industriepartner ist Festo (mehr zum Ansatz finden Sie unter www.appsist.de ). Das Ziel des Projekts, so Prof. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen vom Lehrstuhl für Industriesoziologie der Technischen Universität in Dortmund ist es, eine Rahmenbetriebsvereinbarung, ein Muster oder eine Vorlage zu entwickeln, die für mehrere Unternehmen einer Branche nutzbar wären. „Das ist der richtige Ansatz, denn ansonsten bleibt oft nur der Weg über die Schlichtungsstelle, um Spielregeln in der Industrie 4.0 festzulegen“, warnt der Wissenschaftler. Das verursache Streit und Kosten. Er gibt aber zu Bedenken: „Die öffentliche Wahrnehmung der Mitbestimmung in der Industrie 4.0 ist noch unterentwickelt.“ Trotzdem: der Westfale berichtet von Unternehmen, in denen Betriebsräte ihre Geschäftsführung auf Industrie-4.0-Projekte aufmerksam gemacht haben.

In Sprockhövel rennen die Mitglieder die Türen ein

Betriebsräte und Gewerkschaften sind keine Verweigerer (siehe Bildergalerie)

von Ideen und Innovationen. Auch Jürgen Bauer nicht. Der Betriebsrat informiert sich in Fachmagazinen, im Internet und auf Veranstaltungen über die technischen Entwicklungen, über das soziale Netzwerk Twitter verbindet er sich weltweit mit Gleichgesinnten. Das Interesse für Industrie 4.0 ist bei den Gewerkschaftsmitgliedern voll entbrannt. Im IG-Metall-Schulungshaus Sprockhövel rennen die Mitglieder den Veranstaltern die Türen ein, verrät ein Betriebsrat, der ungenannt bleiben will. „Wir waren überrascht über die Resonanz unserer Mitglieder auf Fortbildungen und Schulungen“, bestätigt IG-Metall-Expertin Constanze Kurz. Das gebe der Gewerkschaft Schwung. Das Ziel: „Wir wollen Industrie 4.0 selber leben, industrieweit Standards setzen und uns als Arbeitnehmervertreter vernetzen.“

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