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Stellungnahme zur VDE-Studie „Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass wir weniger E-Ingenieure benötigen”

| Redakteur: Katharina Juschkat

Aufgrund der vielen Reaktionen zur Studie „Bedarf an E-Ingenieuren nur zur Hälfte aus eigenem Nachwuchs gedeckt” haben wir den VDE um eine Stellungnahme gebeten. Der Arbeitsmarktexperte des VDE, Dr. Michael Schanz, der auch Mitautor der Studie ist, erklärt, warum so viele E-Ingenieure gebraucht werden.

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„Das Erschreckende ist, dass wir in diesem Berufsfeld schon längst auf das Ausland angewiesen sind und in Zukunft voraussichtlich noch abhängiger sein werden”, erklärt Arbeitsmarktexperte Dr. Michael Schanz.
„Das Erschreckende ist, dass wir in diesem Berufsfeld schon längst auf das Ausland angewiesen sind und in Zukunft voraussichtlich noch abhängiger sein werden”, erklärt Arbeitsmarktexperte Dr. Michael Schanz.
(Bild: VDE)

Der Arbeitsmarktexperte des VDE, Dr. Michael Schanz, der auch Mitautor der VDE-Studie ist, erklärt:

„Zunächst möchte ich betonen, dass ich als VDE-Vertreter ausschließlich für diejenigen Ingenieurinnen und Ingenieure spreche, die unser Fach, nämlich die Elektrotechnik und Informationstechnik, studiert haben. Kurz: E-Ingenieure.

Wir haben in der Studie bewusst den Ansatz über die beschäftigten E-Ingenieure gewählt (Mikrozensus): Also, wer hat was studiert und wer arbeitet was? Von der reinen Arbeitsmarktbetrachtung der Bundesagentur für Arbeit sind wir weitgehend abgerückt. Der Mikrozensus umfasst 800.000 Datensätze und repräsentiert ca. 1 Prozent der Bevölkerung Deutschlands. Der relative Standardfehler liegt unter 3 Prozent. Soviel zum Thema Glaubwürdigkeit.

Aus diesen Daten ergeben sich recht genaue berufliche Profile der E-Ingenieure. Wir wissen z.B., wie hoch die Beschäftigungsquoten jedes Altersjahrgangs sind. Damit können wir ausrechnen, wie viele E-Ingenieure in 1, 2, 3 usw. Jahren in den Ruhestand gehen, wenn die Beschäftigungsquoten so bleiben. Und siehe da: Die Zahl der Ruheständler der kommenden Jahre entspricht grob der voraussichtlichen Zahl der Absolventen eines Jahrgangs (statistisches Bundesamt, allerdings muss man hier die Bachelors abrechnen, die in den Master gehen). Da wir wissen, wie viele gerade studieren, lässt sich die Absolventenzahl für die kommenden fünf Jahre sehr gut voraussagen – sofern die Abbrecherquoten konstant sind.

Man könnte jetzt meinen: „Dann ist doch alles in Butter!”. Nein, nichts ist gut, denn: Schaut man sich die reine Anzahl an beschäftigten E-Ingenieuren in den vergangenen Jahren, dann stiegt diese pro Jahr um durchschnittlich 10.500 an. Jetzt muss man sich doch fragen: „Wo kommen die denn her, wenn unsere Absolventen gerade mal die Rentner ersetzen können?”. Diese Lücke wird seit einigen Jahren von fertigen E-Ingenieuren aus dem Ausland gefüllt, wenn wir davon ausgehen, dass die Beschäftigung an E-Ingenieuren, dem derzeitigen Bedarf entspricht. Fachleute sprechen hier z.B. vom „realisierten Bedarf”. Und tatsächlich ist momentan mehr als jeder zehnte E-Ingenieur im Ausland ausgebildet worden. Daher gibt es auch keine „explodierenden Gehälter”. Die Gehälter von E-Ingenieuren steigen zwar überproportional im Vergleich zu anderen Berufen, explodieren aber nicht, da die Lücke eben durch ausländische E-Ingenieure geschlossen oder teilweise geschlossen ist.

Das Erschreckende ist dabei nur, dass wir in diesem Berufsfeld schon längst auf das Ausland angewiesen sind und in Zukunft voraussichtlich noch abhängiger sein werden. Die ausländischen E-Ingenieure bewerben sich momentan nicht per sé bei Firmen in Deutschland, sondern gelangen vielmehr durch Übernahmen oder Betrieb von Außenstellen im Ausland auf den deutschen Arbeitsmarkt.

Die Zahl von 100.000 zusätzlichen E-Ingenieuren kommt durch Extrapolation des Trends zwischen 2005-2013 auf die kommenden 10 Jahre zu Stande. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass wir jedes Jahr weniger E-Ingenieure benötigen. Durch Elektrifizierung und Digitalisierung benötigen wir eher mehr und dieser Trend wird sich wahrscheinlich fortsetzen. Je mehr E-Ingenieure wir davon selbst ausbilden können, desto besser.

Der VDE ist ein technisch-wissenschaftlicher Verband, kein Industrieverband. Daher ist das Argument, dass wir „Gehälter drücken oder billige Arbeitskräfte haben wollen” blanker Unsinn. Ich habe aber ein Interesse daran, die Bildungspolitik zu informieren, um die richtigen Schlüsse aus der Prognose zu ziehen und weiterhin die Basis für Wohlstand in unserem Land zu schaffen.” (kj)

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