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Industrie-PC IPC-Abkündigung: So umgeht man die Fallen!

| Redakteur: Reinhard Kluger

Erst kürzlich feierte der Personal Computer sein 25-jähriges, da kommen auch die Fabrik-PCs in die Jahre. IPC-Lieferanten verschicken erste Produkt-Abkündigungen von Geräten der Pionier-Generation. Wie reagiert man darauf richtig? Und was ist zu tun? Jetzt zeigt sich, ob man vor Jahren die richtige Entscheidung getroffen hat!

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Michael Spicker, Lenze Digitec Controls: „ Keine böse Überraschung auslösen.“
Michael Spicker, Lenze Digitec Controls: „ Keine böse Überraschung auslösen.“
( Archiv: Vogel Business Media )

Die ganz große Show-Bühne wie bei einem Produkt-Launch, die gibt es nicht. Wenn der IPC ausgedient hat, dann geht er meist ganz leise. Entspricht der Rechner eines Tages nämlich nicht mehr dem Stand der Technik, streicht man ihn einfach aus dem Programm, schickt dem Kunden vielleicht noch eine kurze Abkündigung. Das war‘s. Ganz so ist es in der Praxis dann doch nicht. Jeder Hersteller von IPCs reagiert anders, nimmt nicht gleich den kompletten Rechner vom Markt. Oft sind es ja nur einige Komponenten, die veralten. So kündigt Beckhoff grundsätzlich keine IPCs ab, sondern nur Einzelkomponenten. „Mechanische und funktionelle Kompatibilität können wir auf Jahrzehnte hinaus sicherstellen, die Kompatibilität der Stecker auf Jahre, bei der Imagekompatibilität fünf Jahre, oder wir treffen individuelle Vereinbarungen mit dem Kunden“, fächert Roland van Mark, bei Beckhoff zuständig fürs Marketing IPC, die Unterschiede in dem Begriff Abkündigung auf. Es ist hier, durchaus zu unterscheiden, „ zwischen Gesamt-PC, dem PC-Board und weiteren PC-Komponenten.“

Das Thema Abkündigung sieht Lenze als einen Standard-Prozess ablaufen, der aber beim Kunden keine „böse Überraschung auslösen“ soll, wie Michael Spicker betont, Geschäftsführer der Lenze Digitec Controls GmbH. Immerhin habe man 20 Jahre Erfahrung mit IPC-Technologie, ein breites Produktportfolio und sei mit dem Thema bestens vertraut. Michael Spicker: „Durch Einsatz hoch verfügbarer Bauteile besteht größtmögliche Planungssicherheit in Bezug auf den Produkt-Lebenszyklus.“ Aus heiterem Himmel komme so etwas nie: „Typischerweise läuft eine Abkündigung von der Information bis zum Last Call über mindestens ein Jahr.“

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Alte und neue Modelle ein halbes Jahr parallel

Zwar kündige man bei Lauer aktuell keine IPCs ab, aber man sei nie gefeit vor den Marktgegebenheiten im PC-Umfeld. Einen Markt den die Chiphersteller aus dem Officebereich prägen, beschreibt Nikolaus Bischof die Situation, und da müsse sich der IPC-Markt mit anklinken. Der Vertriebsleiter der Elektronik-Systeme Lauer: „Wir setzen, soweit möglich, nur Komponenten ein, die eine längere Verfügbarkeit gewährleisten, zum Beispiel Prozessoren, die auf der Embedded-Charta stehen und damit eine Mindestverfügbarkeit von fünf Jahren haben. So lassen sich die Zyklen abschätzen und Abkündigungen langfristig ankündigen.“ Auch er differenziert: „Wir kündigen in diesem Zusammenhang keine Systeme ab, sondern nur Prozessoren. Die Systeme gibt es in einer Nachfolge-Lösung mit einer Fit-, Form- und Funktions-Kompatibilität.“

Von Anfang an bei IPCs mit dabei: Siemens. Seit 1986 entwickelt und fertigt dieser Automatisierer aus Nürnberg seine SIMATIC IPCs in Deutschland. „Dadurch gelingt es uns − trotz der rasanten Innovationsgeschwindigkeit der PC-Technologie − unseren Kunden die notwendige Innovationssicherheit durch langfristig verfügbare Produkte zu bieten“, verspricht Gunther Klima. Der Leiter Industrial PC bei Siemens A&D weiter: „So vermarkten wir unsere katalogmäßigen IPC-Modelle generell über einen Zeitraum von mindestens 2,5 Jahren mit identischer Funktionalität. Kundenspezifische Vereinbarungen − beispielsweise bezüglich der Abnahmemengen − sind dazu nicht erforderlich.“

Das ermöglicht dem Maschinenbauer und dem OEM langlebige Maschinenkonzepte und reduziert den Aufwand für Softwareanpassungen und Integrationstests. Gunther Klima: „Bei einem Innovationsschritt bieten wir mindestens ein halbes Jahr Überlappungszeit, das heißt, parallele Vermarktung von altem und neuem Modell.“ Auch danach bleibt dem Kunden weitere Zeit: „Nach Abkündigung eines Modells kann dieses dann noch mindestens ein halbes Jahr lang bezogen werden. Nach der Abkündigung können wir unsere IPCs noch mindestens fünf Jahre lang reparieren.“ Und damit der eine oder andere Kunden mit seiner Investition auf der sicheren Seite liegt, beruhigt Gunther Klima: „Auf Kundenwunsch realisieren wir natürlich auch eine längere Verfügbarkeitszeit.“

IPC-Hersteller wollen ihre Kunden keinesfalls im Regen stehen lassen, sie unterstützen Konstrukteure und Beschaffer in den Unternehmen mit Rat und Tat. Was kann der Hersteller, was sollte der Kunde veranlassen? Nikolaus Bischof von Lauer bietet auf Wunsch Anpassungshilfen. Sein Rat: Der Automatisierer sollte darauf achten, dass seine Applikationen den marktaktuellen PC-Technologien entsprechen, dann lassen sich künftige Innovationsschritte einfach mitmachen. So sollte man zum Beispiel Applikationen vermeiden, die heute noch auf alten Betriebssystemen aufsetzen − dann wird jeder Innovationszyklus zum „Versuch“!“

Langfristige Verfügbarkeit im Vordergrund

In Sachen IPC-Abkündigung spricht Lenze frühzeitig und intensiv mit seinen Kunden mögliche Ablöseszenarien durch. „Neben Kompatibilitätsthemen stehen immer auch umsetzbare Verbesserungspotenziale im Vordergrund“, sagt Michael Spicker: „Eine zwischen Hersteller und Automatisierer gemeinsam abgestimmte Produkt- und Innovationsstrategie ist der Schlüssel für pro-aktive und produktive Produktpolitik.“

Auch Peter Klein kündigt aktuell derzeit keine IPCs ab. Für den Geschäftsführer Pro-face unterscheiden sich IPCs grundsätzlich erheblich von „normalen“ Computern, die bereits veraltet sind, „wenn man sie vom Händler nach Hause getragen hat.“ Weil der IPC, anders als der Computer im Büro, in Maschinen oder Anlagen sehr lange seinen Dienst verrichten muss, ist es Pro-face wichtig, „IPCs über sehr lange Zeiträume anzubieten, und auch die benötigten Komponenten lange verfügbar zu halten. Nach einer Abkündigung sind Ersatzteile etwa zehn Jahre von uns erhältlich.“ Peter Klein weiter: „Diese Verlässlichkeit können wir dem Anwender bieten, weil wir unsere Mainboards selbst entwickeln und dabei die verwendeten Komponenten sorgfältig auswählen. So kommen beispielsweise nicht immer die allerneuesten Prozessoren zum Einsatz, sondern hier achten wir besonders auf die Verfügbarkeit seitens des Herstellers.“

Langfristige Verfügbarkeit steht immer mit im Vordergrund. Auch für Gunther Klima. Erklärtes Ziel des Siemens-A&D-Manns ist, den Anwendern innovative und gleichzeitig langfristig verfügbare IPCs zur Verfügung zu stellen: „Innovationen der PC-Technologie, wie die Intel Core2-Duo-Prozessoren, integrieren wir in wohlüberlegten Entwicklungsschritten in unsere IPC. Innerhalb einer IPC-Gerätegeneration bieten wir Softwarekompatibilität, das heißt, die bestehende Anwender-Software kann ohne Programmänderungen eingesetzt werden. Bei einer IPC-Innovation achten wir auf Schnittstellen- und Einbaukompatibilität, damit OEM die neuen Geräte ohne Änderungen an der Einbauumgebung an der gleichen Stelle wie den Vorgänger einbauen können.“ Rückblickend kann Gunther Klima feststellen: „Seit 1999 liefert Siemens beispielsweise einbaukompatible Box-PC. Unsere 19“-Rack-PC haben seit 1995 die unveränderten Abmaße von 4HE bei nur 450 mm Tiefe, dabei bieten sie acht bis elf Steckplätze für Erweiterungskarten.“

Prozessor Roadmaps der Chiphersteller kennen

In Stufen bringt man bei Beckhoff dem Anwender nahe, dass ein IPC abtritt. Für Roland van Mark gilt die reguläre Vorgehensweise, wenn es denn heißt: Last Order! Der IPC-Marketing-Mann aus Verl erklärt die einzelnen Schritte: „Wir bieten ein Alternativgerät in unserer Preisliste an. Das bisherige Gerät löschen wir in der Preisliste, halten es aber weiterhin verfügbar.“ Als dritter Schritt kommt dann: „Abkündigung des Gerätes mit Last-Order-Möglichkeit via Rahmenvertrag.“ Bei Beckhoff gilt: „Service für weitere fünf Jahre.“ Roland van Mark: „Grundsätzlich heben wir uns im IPC-Segment durch unser tiefgehendes Know-How ab, beispielsweise bei der eigenen Motherboard- und BIOS-Entwicklung. Hier können wir schnell auf Kundenwünsche aber auch technologische Änderungen reagieren. Weiterhin sind enge Technologiepartnerschaften zum Beispiel zu Microsoft − Beckhoff ist einer der wenigen Microsoft Embbedded Gold Partner − oder Intel von großem Vorteil.

So unterschiedlich die Produkt-Abkündigungen sind, so verschieden sind auch die Strategien einer eventuellen Migration. Wie aber sehen solche konkret aus? Findet dabei mehr statt, als nur ein teurer Austausch „neu“ gegen „alt“? Migrationsstrategien, für Nikolaus Bischof von Lauer sind sie nur bedingt möglich, denn diese stehen immer in Verbindung mit dem Anwender und dem PC-Markt. Nikolaus Bischof: „Es wird sich zwangsläufig immer um eine Kunden/Lieferanten-Beziehung und -Strategie handeln, da sich die Dynamik des PC-Marktes meistens nicht mit den Anforderungen der Automatisierer synchronisieren lässt.“

Konkrete Strategien verfolgt Lenze. Michael Spicker: „ ..., die man aber oftmals kundenindividuell abstimmen muss. Sich allein auf die Funktionskompatibilität und neuen Features des IPCs zu beschränken, das wäre zu kurz gedacht. Das Zusammenspiel von neuem IPC mit den vom Kunden typischerweise ergänzten Hardware- und Software-Komponenten, dieses Zusammenspiel muss professionell abgestimmt und getestet werden. Dann steht einer neuen Produkteinführung meist nichts mehr im Wege.“

Betriebssystem muss die passenden Treiber haben

Worauf der Anwender bei der Migration achten sollte, sind die Software-Treiber und die mechanischen Abmessungen. Der Tipp dazu von Peter Klein: „Beim Austausch eines IPC kommt es im Wesentlichen darauf an, dass das Betriebssystem die verwendete Hardware mit passenden Treibern unterstützt. Bei „etablierten“ Komponenten ist dies in der Regel immer gegeben. Insofern ist der „Umzug“ einer Software auf eine neue Hardware kein Problem.“ Aber so der Pro Face-Geschäftsführer weiter: „Darüber hinaus kann der Anwender davon ausgehen, dass sein neuer IPC immer in die vorhandenen Schrank- oder Pult-Ausschnitte passen sollte. Wir achten sehr auf mechanische Kompatibilität, die Einbaumaße bleiben grundsätzlich die gleichen. Neue Gerätefamilien sind immer kompakter als ihre Vorgänger. Veränderte Abmessungen neuer Geräte schaffen also allenfalls mehr Platz im Schrank oder im Pult.“ Sollte einmal eine kurzfristige Abkündigung notwendig sein, gibt es bei Pro face immer ein direktes Nachfolge-Gerät. Peter Klein: „ ... und zwar mit gleichen Einbaumaßen und gleichen Abmessungen. Die neuen Geräte verfügen dann meist über einen leistungsfähigeren Prozessor und einen größeren Arbeitsspeicher. In seltenen Fällen kann es dazu kommen, dass der Kunde mit einem von uns gelieferten Einbausatz arbeiten muss, um ein neues Gerät an den vorhandenen Ausschnitt anzupassen.“

Wenn der Neue kommt, will man schon wissen, wie unterscheidet er sich vom Ex. Für Gunther Klima heißt die Antwort: „Zum Start der Vermarktung eines neuen IPC-Modells stellen wir den Anwendern genaue Infos bezüglich der Kompatibilität zum Vorgängermodell bereit. Durch unsere enge Zusammenarbeit mit Intel erhalten wir frühzeitig Informationen über die künftigen Prozessor-Roadmaps und können so diejenigen Prozessoren und Chipsätze für unsere IPCs auswählen, die von Intel für einen längeren Vermarktungszeitraum vorgesehen sind. Durch unsere besondere Partnerschaft mit Microsoft können wir unsere IPCs auch noch lange Zeit mit älteren Betriebssystemen ausliefern, die es am Markt nicht mehr gibt. Das erspart dem OEM das aufwändige Anpassen der Applikation an ein neues Betriebssystem, eventuell kann er sogar eine ganze Betriebssystemgeneration überspringen.“ Wenn dann die „Neuen“ kommen, gehört ihnen wieder die ganz große Show-Bühne. Aber nicht allzulange, denn bald gilt auch für sie, wie für alle IPCs: Last Order!

Roland van Mark: „Auf echte IPC-Hersteller setzen“

Maschinen und Anlagen unterscheiden sich in ihren Lebenszyklen von denen des IPC. Sie haben ein längeres Leben als der IPC. Herr van Mark, was tut Beckhoff konkret für den Anwender hinsichtlich der Verfügbarkeit von Boards und Bauelementen? Lagern Sie für ihn solche Teile ein, vakuumverpackt und verschweißt? Wie schätzen Sie denn ab, wie viele Boards oder Bauelemente Sie über die Zeit eventuell benötigen? Nachkaufen geht ja nicht mehr!

•Wir bieten dem Maschinenbauer an, unbestückte Bauelemente unter Schutzgas (Stickstoff) zu verpacken und zu lagern. Wir bevorraten diese Teile bei uns, wenn dies nötig sein sollte. Bestückte Boards lagern wir nicht ein, weil dies technisch nicht erforderlich ist. Woher wir wissen, welche Bauelemente und wieviel davon wir einlagern sollen? Aufgrund von 25 Jahren Erfahrung auf dem Gebiet der PC-basierten Steuerungstechnik können wir das abschätzen. Wir treffen die Entscheidung immer im Team, gemeinsam mit Entwicklung, Produktmarketing, QM und Service.

Was müssen Anwender dafür bezahlen?

•Das lässt sich in Euro und Cent nicht beziffern, das hängt vom Projekt ab und möglicher Einlagerungen.

Bitte drei Goldene Regeln: Auf was soll der Anwender schon bei der Entscheidung für einen IPC achten, mit Blick auf die Lebensdauerverfügbarkeit?

•Hier können wir weit mehr nennen: Der Anwender sollte auf einen „Echten“ IPC-Hersteller setzen, sprich auf echte Embedded-Produkte. Er sollte den Begriff Verfügbarkeit klären. Er sollte klären, was das bei Intel konkret heißt? Ob das Bauteil wirklich für eine bestimmte Zeit verfügbar ist, sprich auf x Jahre? Oder ob es sich nur um eine erwartete Verfügbarkeit handelt, aber mit der Garantie, rechtzeitig eine Abkündigung zu erhalten für eine Last Order. Es sollte sich dabei immer um Zukaufkomponenten höchster Qualität handeln. Der IPC-Hersteller sollte ein hohes Maß an Eigenfertigung haben, einschließlich der Entwicklung des BIOS und der Software, wie zum Beispiel bei uns TwinCAT. Weiterhin sollten nur modernste Chipsätze zum Einsatz kommen, das Produktportfolio des IPC-Herstellers sollte breitgefächert sein und ganz wichtig: Der IPC-Hersteller sollte enge Partnerschaften mit Schlüssellieferanten pflegen, wie zum Beispiel mit Microsoft − Beckhoff ist übrigens Microsoft Embedded Gold Partner −, Intel, Elotouch und so weiter.

„Das Abkündigen von IPCs ist ein Thema mit Facetten. Der Maschinenbauer muss schon im Vorfeld abklären, wie er Verfügbarkeit definiert, denn jeder versteht ein klein wenig anderes unter diesem Begriff. Das zeigte unsere Umfrage. Meist geht es nicht um den kompletten IPC. Komponenten, wie Prozessoren und Betriebssysteme,bilden oft die Schwachstelle. Wie sehen Sie als Leser das Thema‚ Last Order bei IPCs? Diskutieren Sie mit uns im Internet! Veröffentlichen Sie ihre Meinung! Kommentieren Sie diesen Beitrag!

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