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Interview: Digitalisierung im Schaltschrankbau Wie Schaltanlagenbauer Schritt für Schritt große Hürden überwinden können

| Autor / Redakteur: Sariana Kunze / Sariana Kunze

Die Digitalisierung nehmen viele Schaltanlagenbauer als unüberwindbare Hürde wahr. Im Interview mit elektrotechnik AUTOMATISIERUNG verrät Nicole Kreie, Head of Project Service international bei Wago, wie ein Schaltanlagenbauer das Thema Schritt für Schritt angehen kann und ob die Corona-Pandemie Skepsis abgebaut hat.

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Auf dem Weg zur Digitalisierung: Der digitalen Zwilling gehört zu den ersten Schritten im Schaltschrankbau.
Auf dem Weg zur Digitalisierung: Der digitalen Zwilling gehört zu den ersten Schritten im Schaltschrankbau.
(Bild: Wago)

elektrotechnik AUTOMATISIERUNG: Warum nehmen Schaltanlagenbauer die Digitalisierung oft als unüberwindbare Hürde wahr?

„Es ist wichtig für den Schaltanlagenbauer, den Prozess ideal entlang des digitalen Engineerings zu führen“, erklärt Nicole Kreie, Elektroingenieurin und Head of Project Service international bei Wago.
„Es ist wichtig für den Schaltanlagenbauer, den Prozess ideal entlang des digitalen Engineerings zu führen“, erklärt Nicole Kreie, Elektroingenieurin und Head of Project Service international bei Wago.
(Bild: Wago)

Nicole Kreie: Schon der Begriff ‚digitale Transformation‘ versetzt viele Schaltanlagenbauer in Angst. Er ist inhaltlich nicht greifbar und daher eine scheinbar unüberwindbare Hürde. Doch im Grunde verbirgt sich hinter dem Begriff nichts anderes als die Optimierung der Prozesskette und die Wertschöpfung durch den technologischen Fortschritt. Für die erfolgreiche Umsetzung muss der Schaltschrankbauer zwei wesentliche Fakten klären. Erstens: Wie genau sieht meine Prozesskette aus? Wo besteht bereits eine gute Wertschöpfung und wo existiert Optimierungspotenzial? Letzteres ist nur wenigen bekannt. Und Zweitens: Kenntnis über den aktuellen technologischen Fortschritt erlangen.

Ist also der Zeitmangel die größte Hürde?

Zeit ist nur ein Teil der Problematik. Häufig ist die größte Hürde die Kombination aus Zeitmangel und der Frage ‚Wer macht es?‘. Bei vielen Schaltanlagenbauern fließt jegliche Koordination, Planung und Entscheidung bei einer Person zusammen. Hier ist in vielen Fällen kaum Zeit für Prozessveränderungen oder neue digitale Strukturen vorhanden. Somit erschweren der Fachkräftemangel und die fehlende Zeit den Schaltanlagenbauern den Weg in das digitale Zeitalter.

Wofür ist konkret keine Zeit da? Bzw. wie sieht eine optimale Herangehensweise aus?

Auf den Punkt gebracht: Für die Prozessanalyse fehlt die Zeit und hier setzen wir unterstützend an. Wir stellen Prozesse auf den Prüfstand. So lassen sich Ansatzpunkte für die Digitalisierung lokalisieren. Der Ablauf sieht so aus: Ist-Prozess definieren, Kundengruppen bilden, Soll-Prozess entwickeln und gegenüberstellen, Defizite lokalisieren, Methoden für Optimierungsmöglichkeiten identifizieren und prüfen sowie welche bereits vorhandenen digitalen Mittel genutzt werden können. So lässt sich die Effizienz der eigenen Prozesse steigern.

Worauf sollten Schaltanlagenbauer Ihrer Meinung nach besonders Wert legen?

Bisher haben wir über den Gesamtprozess gesprochen. Zu Beginn ist es häufig sinnvoll, die Änderungen in kleineren Prozessschritten umzusetzen, bevor die gesamte Wertschöpfungskette auf einen Schlag digitalisiert wird. Kleine Schritte im Digitalisierungsprozess können gut in den Bereichen Engineering/Konstruktion und Fertigung implementiert werden. Hierbei gilt die Faustregel: Je durchgängiger die Prozesse und je größer die Abstimmung der Bereiche aufeinander, desto effizienter kann ein Schaltanlagenbauer arbeiten. Realisieren lässt sich dies durch digitales Engineering und den digitalen Zwilling.

Welche Tipps würden Sie einem Schaltanlagenbauer für einen unkomplizierten Einstieg in die Digitalisierung geben?

Erstens: Schauen Sie sich Ihre eigenen Prozesse an und halten Sie die Ist-Situation fest. Zweitens: Suchen Sie sich kleine Felder aus der Ist-Situation heraus, die Sie digitalisieren möchten. Drittens: Nutzen Sie kleine, einzelne Elemente und implementieren Sie diese schrittweise. So ist die Veränderung überschaubar, überprüfbar und gegebenenfalls anpassbar.

Bei Wago sehen Sie die Digitalisierung als eine Ergänzung zu bestehenden Prozessen. Was verstehen Sie darunter?

Das Thema rund um die Daten ist in sich sehr komplex und bietet viele Fehlermöglichkeiten. Daher meiden viele Unternehmen den gesamten Bereich. Hier setzen wir an: Wir stellen den bekannten, großen CAE-Tools am Markt, wie Eplan, WSCAD, Zuken, unsere Daten als digitalen Zwilling in optimaler Form zur Verfügung. Der Schaltanlagenbauer kann seine Konstruktionsleistung auf das Engineering setzen, ohne Daten überarbeiten zu müssen. Auch hier gilt: Je digitaler die Datendurchgängigkeit ist, desto weniger Zeit muss der Schaltschrankbauer für Korrekturleistungen aufwenden.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Hierfür bietet sich unser Online-Konfigurator Smart Designer an. Durch dieses Tool kann bereits im Engineering Zeit und Aufwand eingespart werden. Der Schaltanlagenbauer kann mit diesem webbasierten Softwaretool eine ideal aufgebaute Reihenklemmenschiene für den Schaltschrank designen. Also ein analoges Produkt in einen digitalen Prozess einbinden. Denn Reihenklemmen weisen keine technologische Intelligenz auf – sind jedoch wirkungsstark, wenn sie durchdacht aufgebaut sind. Der Smart Designer bietet gute Konfigurationsmöglichkeiten und schließt die Plausibilitätsprüfung mit ein, die das CAE-Tool nicht abbilden kann. Der Konstrukteur entscheidet, ob er seine Konfiguration aus dem Smart Designer in das CAE-Tool lädt und im Schaltschrank einbindet oder die konstruierte Schiene direkt zu Wago schickt und eine Preisanfrage stellt.

Wie sieht die ideale digitale Transformation eines Schaltanlagenbauers aus?

Für die erfolgreiche Umsetzung ist eine gute Vorarbeit zwingend notwendig. Grundsätzlich steht am Anfang die genaue Betrachtung der bestehenden Prozesskette aus der Vogelperspektive. Welcher Prozessschritt hat welche Bedeutung und wo können digitale Elemente implementiert werden? Als Hersteller liefern wir für unsere Reihenklemmen den digitalen Zwilling, dieser ist für den Schaltanlagenbauer in seinem CAE-Tool nutzbar. Kabelwege im Schaltschrank werden so automatisiert ausgerechnet und die Daten können an den Leitungsablängenautomaten gegeben werden. Somit müssen die Kabel nicht mehr selbst gezogen werden.

Die Corona-Pandemie hat an vielen Stellen gezeigt, wie wichtig digitalisierte Prozesse sein können. Glauben Sie, dass sich die Skepsis vieler Schaltanlagenbauer dadurch verändert hat?

Das ist eine gute Frage, die ich so nicht beantworten kann. Die Pandemie hat der Digitalisierung zwar einen kräftigen Schub gegeben, das Thema aktive Prozessanalyse aber kaum angestoßen. Aus dem Gefühl und meiner Erfahrung heraus vermute ich eher, dass die Veränderungsbereitschaft gleichgeblieben ist. Ich bin aber davon überzeugt, dass der ganze digitale Schritt zeitverzögert passieren wird.

Liegt es womöglich aktuell auch an aufgeschobenen Investitionen?

Der Bedarf ist zwar da, aber die Unternehmen warten ab, bis sich die Lage wieder stabilisiert hat und klar ist, wo der Markt steht.

Bedeuten die von Ihnen beschriebenen kleinen Schritte auch einen nur kleinen Invest?

Das muss nicht unbedingt so sein – deshalb ist eine gute Analyse der Ist-Situation beim Schaltanlagenbauer so wichtig. Wenn dieser mit keinem entsprechenden Tool arbeitet, kann die Implementierung einer entsprechenden Software einen mittleren Invest bedeuten. In einigen Fällen sind die Daten vorhanden, werden aber nicht genutzt. Kleinere Schnittstellen zu implementieren kann hier helfen und ist sicherlich ein geringerer Invest. Die Situation ist letztlich immer individuell zu betrachten.

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