Narzissmus in der Chefetage

Wie man mit Narzissten umgeht

| Autor / Redakteur: Reinhard F. Leiter* / Sariana Kunze

Akute Selbstverliebtheit ist ein großer Trend in den Chefetagen. Aber was kann man tun, wenn der Chef ein krankhafter Narzisst ist?
Akute Selbstverliebtheit ist ein großer Trend in den Chefetagen. Aber was kann man tun, wenn der Chef ein krankhafter Narzisst ist? (Bild: © Irina - stock.adobe.com)

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Me, myself and I – Dysfunktionales Verhalten wie Narzissmus hat sich wie eine Epidemie in den Führungsetagen vieler Unternehmen ausgebreitet. Solche psychischen Geisterfahrer können Kollegen, Mitarbeitern oder der gesamten Entwicklung des Unternehmens schaden. Wir erklären, wie Narzissten ticken.

Jeder ist in gewisser Weise ein Narzisst. Doch vor allem in den Chefetagen vieler Unternehmen grassiert immer mehr ein krankhafter Narzissmus. Aber was macht den Unterschied? Narzissmus ist für ein stabiles Selbstwertgefühl unumgänglich. Eine Prise davon wappnet uns gegen die Wechselfälle des Lebens. Er hilft uns, eine gute Meinung von uns zu haben und uns bis zu einem gewissen Grad gegen unsere Mitmenschen zu behaupten. Nimmt Narzissmus aber krankhafte Züge an, kann er Unternehmen von innen heraus zerstören. Denn krankhafte Narzissten haben grandiose Fantasievorstellungen von sich selbst, die sie zu egoistischem und rücksichtslosem Verhalten treiben. Besonders in Führungspositionen können sie ihrem Bedürfnis nach Macht und Kontrolle am besten nachkommen.

Unternehmen als Nähr- boden für Selbstverliebtheit

Viele Unternehmen scheinen dabei ein guter Nährboden für die Entwicklung eines krankhaften Narzissmuses zu sein. Denn neueren Untersuchungen zufolge sind Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeit in Unternehmen vergleichsweise häufiger vertreten als in der Gesamtbevölkerung. Man geht davon aus, dass etwa vier Prozent der Bevölkerung Narzissten sind. Dagegen sind sogar etwa sechs Prozent aller Führungspersonen Narzissten. Die Betroffenen haben ein übertriebenes Gefühl der eigenen Wichtigkeit. Sie verlangen nach übermäßiger Bewunderung. Sie idealisieren sich selbst und sind stark von Allmachtsfantasien, grenzenlosem Erfolg, Macht, Glanz oder Schönheit eingenommen. Sie glauben von sich, besonders und einzigartig zu sein und erwarten eine bevorzugte Behandlung. Sie fühlen sich nur von anderen außergewöhnlichen, angesehenen Personen oder Institutionen verstanden und wollen auch nur mit diesen verkehren.

Kompetenz überschreiten: Alles dient der Darstellung

Stets auf den eigenen Vorteil bedacht, legt der Narzisst in seinen Sozialbeziehungen ein ambivalentes Verhalten an den Tag. Der Narzisst wechselt ständig die Position. Seine Einstellung richtet sich danach, woher der Wind gerade weht. Dazu wird auch nach oben gebuckelt, während gleichzeitig der Chef für den nächsten Karriereschritt gezielt bearbeitet wird. Kollegen und Mitarbeiter sind allenfalls ein nützliches Instrument, das für die eigenen Zwecke eingespannt wird. Statt Anerkennung für ihre Hilfe zu bekommen, müssen sie damit rechnen, in aller Öffentlichkeit abgekanzelt oder gemaßregelt zu werden. Regelmäßige Kompetenzüberschreitungen sind eine Folge ihres übersteigerten Profilierungsdrangs. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. All ihr Handeln dient nur der Darstellung der eigenen Größe getreu dem Motto: „Me First!“ Der Jesuit Karl Rahner hat den Narzissten deshalb auch sehr treffend als einen Ofen bezeichnet, der nur sich selbst wärmt.

Ich-Perspektive: Die fünf großen E

Am besten lässt sich die narzisstische Störung mit den fünf großen „E“ beschreiben: Egozentrik, Eigensucht, Empfindlichkeit, Empathiemangel und Entwertung anderer: Der Narzisst nimmt alles aus der Ich-Perspektive wahr. Sein ganzes Fühlen und Denken ist ausschließlich auf die eigene Person gerichtet. Nur seine Gedanken sind originell, seine Ansichten allein von Interesse, seine Handlungen unvergleichbar. Urvater der Narzissten ist der schöne Jüngling Narkissos aus der griechischen Mythologie. Von allen bewundert und begehrt, ist er unfähig zu einer Beziehung und Emotionen. Erst als er sein Gesicht in einem Quell gespiegelt sieht, kann er sich verlieben: aber nur in sich selbst. Als er sich in gieriger Eigenbewunderung mit seinem Spiegelbild verschmelzen will, stürzt er ins Wasser und ertrinkt. Narzissten sind nicht immer gleich auf den ersten Blick zu erkennen. Sie sind häufig freundlich, gut gekleidet, legen gute Manieren an den Tag und haben ein gewinnendes Wesen. Sie sind charmant und können andere mitreißen. Aber spätestens, wenn sie über sich reden und das natürlich nur in höchsten Tönen, offenbart sich ihr dysfunktionales Verhalten. Sie sind sehr auf ihre Außenwahrnehmung bedacht. Sie wollen stets im Mittelpunkt stehen und bewundert werden. Darum sind sie auch sehr leistungsorientiert. Die Beförderung ist für sie deshalb allenfalls eine Frage der Zeit.

Minderwertigkeitskomplex: Rachefeldzüge gegen Kritiker

Es gibt aber auch eine dunkle Seite. So sind Narzissten leicht zu kränken. Selbst sachliche Kritik verletzt sie zutiefst und macht sie meistens extrem aggressiv. Die Folge sind oftmals auf die vollkommene Vernichtung ausgelegte Rachefeldzüge gegen Kritiker oder Kollegen, die ihnen Unzulänglichkeiten oder Fehlverhalten andichten wollen. Wer sich mit einem Narzissten anlegt, muss aufpassen, dass er nicht selbst schneller von der Bildfläche verschwindet, als ihm lieb ist. Das Fehlen jeglichen Einfühlungsvermögens und überhebliches Verhalten zählen ebenfalls zu den Hauptmerkmalen narzisstischer Persönlichkeitsstörungen.

Hinter der aufgesetzten Fassade des absoluten Winnertypen verbergen sich tiefsitzende Minderwertigkeitsgefühle. Mit ihrer nassforschen Art kompensieren sie ein Gefühl der Unzulänglichkeit aus ihrer Kindheit, weil es ihnen nie gelungen ist, z. B. ein Elternteil zufriedenzustellen. Vielleicht mussten sie in ihrer Kindheit sogar Ablehnung und Abwertung durch die Eltern erfahren. Von Abraham Maslow wissen wir, dass Beachtung, Anerkennung und Zugehörigkeit besonders in der Kindheit zu unseren Grundbedürfnissen gehören: „…das meist vernachlässigte Bedürfnis ist die Beachtung anderer.“ Nach A. Maslow unterscheidet sich Selbstverwirklichung von Egoismus dadurch, dass wir bei der Selbstverwirklichung unseren tiefsten Bedürfnissen nachgehen. Grundbedürfnisse erkennt man daran, dass wir erkranken oder sterben, wenn sie nicht befriedigt werden. „Narzissmus ist nichts anderes, als das Grundbedürfnis nach Beachtung durch Ersatz zu stillen. Getreu dem Motto: wenn das Süße im Leben fehlt, kann es nicht durch Zucker ersetzt werden!“ – ein Zitat von Wolf Büntig, Arzt mit Zusatztitel Psychotherapie.

Die oberste Regel im Umgang mit Narzissten lautet: nichts tun, was ihr Selbstwertgefühl erschüttern könnte. Vielmehr muss man ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie Respekt verdienen. Man muss ihrem Bedürfnis nach Beachtung und Anerkennung entgegenkommen. Mit großem Einfühlungsvermögen gilt es, ihr Vertrauen zu gewinnen, indem man sie mit Lob und positivem Feedback füttert. Hier gilt: je mehr, desto besser. Eine Konfrontation mit ihrem Fehlverhalten sollte nur in homöopathischen Dosen erfolgen. Es empfiehlt sich, anhand konkreter Beispiele knapp, sachlich und vorurteilsfrei auf konfliktbeladene Verhaltensweisen hinzuweisen, die ihrem eigenen Ansehen im Unternehmen schaden. Übertriebener Optimismus, auf diese Weise wirklich eine gravierende Verhaltensänderung zu bewirken, ist allerdings nicht angebracht.

Achtung: Keine Gefühle oder Emotionen mit Narzissten teilen

Wer dennoch den Unmut eines Narzissten auf sich zieht, sollte versuchen, Ruhe und Gelassenheit zu bewahren. Er sollte nicht vergessen, dass es die Minderwertigkeitsgefühle des Narzissten sind, die ihn schreien und toben lassen. Ganz wichtig ist dabei, dass man dem Narzissten keine Einblicke ins Privatleben gewährt, keine Gefühle oder Emotionen mit ihm teilt. Man sollte immer professionell bleiben und keine außerberuflichen Kontakte pflegen. Nur wenn man dem Narzisst so wenig Angriffsfläche wie möglich bietet, kann man sich selbst schützen. Denn es kommt der Tag, an dem er dieses Wissen skrupellos ausnutzt. Wirklich therapierbar sind Narzissten nur in den seltensten Fällen. Denn ein Narzisst käme nie auf die Idee, er könnte therapiebedürftig sein. Sich als Retter eines Narzissten zu versuchen, kann schnell dazu führen, dass man selbst eine Therapie benötigt. Letztendlich muss man Narzissten aussitzen. Irgendwann machen auch sie einen entscheidenden Fehler. Denn in allen sieben Versionen der Geschichte über den selbstsüchtigen Jüngling läuft es immer auf das Selbe hinaus: „Narkissos stürzt immer ab“. Womit sich das Problem von selbst erledigt.

* * Reinhard F. Leiter, Executive Coach, Selecteam Deutschland

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